BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
Den Ball ins Rollen bringen!
Oder: Vier Jahre Familienmediation auf Rügen
Als ich Anfang 1995 während der Aufbauphase der Erziehungsberatungsstelle (EB) registrieren musste, dass ca. 60 % aller der EB vorgestellten Kinder und Jugendlichen mit unterschiedlichster Symptomatik etwas gemeinsam hatten, nämlich die Zeit der Trennung oder Scheidung ihrer Eltern nur schlecht verkraftet zu haben, wurde für mich deutlich, dass in dieser familialen Krisensituation im Bereich der Jugendhilfe außer den bisher praktizierten Methoden noch etwas anderes bereitgestellt werden musste.
Den Impuls, als Fachfrau neugierig auf mehr Handwerkszeug zu werden, d. h. die Ausbildung zur professionellen Vermittlerin in Angriff zu nehmen, bekam ich in einer Fortbildungsveranstaltung mit Frau Dagmar Schramm-Grüber/Frankfurt, in der sie die Philosophie der Mediation und auch das Anliegen der BAFM überzeugend vorstellte.
Danke, Frau Schramm-Grüber! Den Stein bzw. Ball auf Deutschlands größter Insel haben Sie ins Rollen gebracht! Dieser Ball liegt als Symbol in der Beratungsstelle der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Rügen e.V. (KJFH) und Mediationspaare haben ihn beschriftet mit: Mediation "Weniger Stress", "Wieder reden können", "Abschied von offenen Rechnungen", "Kinder behalten Vater und Mutter", "Zähes Ringen", "Frieden", "Achtung" u. v. m.
Als Teilnehmerin der II. Mediationsausbildung bei "Zusammenwirken im Familienkonflikt, Berlin" (1995-1997) und Assistentin in der IV. Ausbildung (1998-1999) ist mir heute bewusster denn je, wie eng die beiden Eckpfeiler der Mediation, Prozess und Ziel, miteinander verknüpft sind, wie sehr es auf Kommunikations- und Haltungsänderungen ankommt, um schließlich zu einem Ziel zu kommen, dass dem Anliegen der Mediation entspricht und Transfer-Ergebnisse aufweist. Durch die wechselseitige Anerkennung während der interdisziplinären Ausbildung, die sich auch in dem hervorragenden Ausbildungsteam am Berliner Institut widerspiegelte, haben sich bei mir Kommunikationsmuster und Wahrnehmungen verändert, sind vorhandene Ressourcen aktiviert worden, die nicht nur Auswirkungen haben auf Kommunikation und Kooperation der Paare, die Mediation in Anspruch nehmen. Eine funktionierende Trennungs- und Scheidungsberatung setzt aus meiner Sicht eine ausreichende Organisation für eine Region voraus. Sie muss ein bedürfnisorientiertes Angebot planen und organisieren Ansprechpartner sein für Klienten und Berufsgruppen, die durch Trennungs-/Scheidungsfragen tangiert werden sowie Weiterbildung und kontinuierliche Evaluation betreiben. Durch die Gründung des Arbeitskreises "AK Trennung/Scheidung" ist auf Rügen eine Kooperation der Scheidungsprofessionen entstanden, durch die Missverständnisse aufgeklärt werden, Perspektiven der unterschiedlichen Disziplinen verstanden und anerkannt werden sowie gemeinsame Ziele vereinbart werden können.
Mitglieder sind nicht nur Vertreterinnen der öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe, Rechtsanwälte und Familienrichter, sondern auch Gleichstellungsbeauftragte, Mitarbeiterinnen der Schuldnerberatungsstelle, eine Kinderärztin sowie Psychologinnen der auf Rügen zahlreichen Kurkliniken. Durch die Vernetzung mit Fachkolleginnen dieser Einrichtungen (häufig sind es Mutter-Kind-Kurkliniken) wird der Mediationsgedanke in Beratungsgesprächen mit von Scheidung betroffenen Frauen aus der ganzen Bundesrepublik zusätzlich weitergetragen.
"Ich empfehle den Eheleuten stets, dieses Angebot wahrzunehmen. Mediation kann eine große Hilfe sein. Es gibt eben Sachen, die Psychosoziale besser können als Anwälte", so der Direktor des Amtsgerichtes Bergen im Gespräch mit einem Redakteur der Regionalzeitung (1996).
Sicherlich lag es dem Familienrichter fern, Überlegenheitsphantasien und Standesdünkel beider Berufsgruppen mit dieser Aussage zu schüren, denn auch ihm ist bekannt, dass in der Mediation weder Therapie noch Rechtsberatung ihren Platz haben. Tatsächlich ist dieser Teil des Interviews Ausdruck von interdisziplinärer gegenseitiger Wertschätzung, aktivem Zuhören nicht nur während der Arbeitskreissitzungen, kurzgefasst Ergebnis
eines kommunikativen Verständigungs- und Einigungsprozesses zum Wohl der Klienten.
In der Erziehungsberatungsstelle der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Rügen e.V. wird Mediation als Verfahren zur Konfliktbearbeitung zunehmend nachgefragt (mittlerweile mit Warteliste), was als Wirkung einer Arbeitsweise gewertet werden kann, mit der beharrlich seit vier Jahren u. a. durch aktive Öffentlichkeitsarbeit ein Prozess des Umdenkens auf Rügen vorangetrieben wird: Weg von dem Gewinner-/Verlierer-schema, hin zu einem Modell, bei dem die Eltern ihrer Verantwortung durch selbsterarbeiteten Konsens gerecht werden, was mit den Zielen des KJHG/ KindRG übereinstimmt, einen Perspektivwechsel in der Jugendhilfe zu vollziehen. Wenngleich viel erreicht worden ist, sehe ich mich als einzige nach den Richtlinien der BAFM ausgebildete Mediatorin oftmals an den Grenzen fachlichen Tuns. Wo bleibt das im KJHG verankerte Wunsch- und Wahlrecht der Klienten? Wie löse ich die eigenartigen Interessenkonflikte, wenn bei Partnertausch beide neu zusammen-gesetzte Paare Mediation in Anspruch nehmen möchten. Sicherlich sind an dieser Stelle Ressourcen über den Landkreis Rügen hinaus zu aktivieren. Vorstellbar wäre z. B. ein Finanzierungsausgleich der Jugendämter des Landkreises Rügen und der anderen umliegenden Städte und Gemeinden wie z. B. Stralsund und Stralsund-Land bei Inanspruchnahme der dort hoffentlich irgendwann einmal tätigen Mediatoren. Der von mir organisierte interdisziplinäre Fachtag Ende Oktober vergangenen Jahres hat vielleicht teilnehmenden Kolleginnen aus Stralsund und Umgebung Mut gemacht, in ihrer Region ebenfalls initiativ zu werden, den Ball quasi ins Rollen zu bringen, diente er doch dem Vertrautmachen mit Grundideen von Familienmediation, der weiteren regionalen interdisziplinären Vernetzung, sowie der produktiven Diskussion zur Schaffung struktureller Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für den Einsatz von Familienmediation.
Doris Hensen
Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Rügen e. V
Aus Kind-Prax 4/2000
