BAFM     
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.

Familienrekonstruktion beim Heidelberger Institut für Mediation
-Plädoyer für Selbsterfahrung in der Mediatorenausbildung -

Menschen, die Unterstützung in einem Konflikt suchen, haben zwar – soweit sie sich für Mediation entscheiden – Interesse an einer autonomen, individuellen Entscheidung, sie wissen jedoch in der Regel nicht, wie sie zu dieser kommen. Sie setzen viel Hoffnung in die Person des Mediators und dessen Erfahrung, nun schnell eine passende Lösung zu finden. Diese Arbeit verkürzen wir (juristisch ausgebildeten) Dienstleister gerne unbewußt durch unsere vermeintliche Allkompetenz in Sachen Konfliktlösung. Prompt melden sich bei uns die Geistesblitze für die passende "Fall-Lösung" durch unsere angeborene oder antrainierte "Ich-weiß-wie-Haltung".

Eine autonome und individuelle Entscheidung kann so nicht gefunden werden. Achtung vor der eigenen Geschichte der Medianten, deren eigener Erfahrung und Fähigkeit, innerhalb eines geeigneten Rahmens selbst die Herausforderung der gestellten Lebensaufgabe zu bewerkstelligen, verlangen vom Mediator Disziplin und viel Einfühlungsvermögen. Der Weg dorthin ist für den Mediator mit juristischem Grundberuf eine Herausforderung, engagierte Gelassenheit und gelassene Engagiertheit, wie es einmal treffend formuliert wurde, wollen gelernt sein. Wie schaffe ich es aber als Mediatorin, allparteilich, tolerant, kreativ und individuell zu arbeiten, ohne einen Eintopf zu kochen von dem, was ich mitbringe, und dem, was die Klienten an Zutaten beisteuern.

Meine Erfahrung zeigt, daß wir im Umgang mit Medianten unsere Reaktion genau klären müssen, sie spiegeln sich stets im Verhalten der Konfliktparteien und wir nehmen hier (unbewußt) Einfluß auf ihr Verhalten und ihr Befinden. Wie oft steht hinter dem Bedürfnis, uns für etwas einzusetzen, nicht auch unsere eigene unausgesprochene Hoffnung, nicht selbst in so eine Lage zu kommen (z. B. zurückgewiesen oder von Schuldgefühlen geplagt zu werden). So erklärt sich u. U. unser Drang, uns einzusetzen. Nichts anderes gilt für den Drang, etwas nicht wahrhaben zu wollen, eine schnelle Lösung zu akzeptieren etc. Dies alles hat mit uns zu tun, mit dem, was wir selbst frühzeitig erlebt haben, ersehnt haben
oder vielleicht auch nicht aushalten konnten. Die Achtung vor dem Wertesystem und der Entscheidung des anderen erfordert immer wieder ein Bewußtwerden des eigenen Standortes und ein Sich-Zurücknehmen, Reflektieren, Klären und Abgrenzen. Hierzu muß der Vermittler sich selbst kennen, wissen, wo er selbst steht/aufhört, der andere anfängt, Parallelen und Reaktionen erkennen.

Auch für Mediatoren bedeutet die Bereitschaft, sich mit sich selbst zu befassen, sich ehrlich zu prüfen, einen Prozeß der Weiterentwicklung und Reife. Für die Medianten und den Mediationsprozeß bedeutet ein Vermittler, der bereit und in der Lage ist, sich seiner eigenen Anteile bewußt zu werden und immer wieder zurückzunehmen, überhaupt erst die Umsetzung so schöner Worte wie Neutralität, Empathie und Menschenliebe, über die wir zur Klärung der Interessen der Parteien (und nicht des Mediators) und zu einer autonomen Entscheidung der Konfliktparteien, damit letztlich zu der ersehnten individuellen, dauerhaften Vereinbarung kommen.

Menschenliebe und Kommunikationstechniken sind wichtig, sie genügen jedoch nicht für meinen Anspruch an Qualität der Arbeit in der Mediation. Zum Bewußt-Arbeiten gehört Bewußtsein, zum Bewußtsein Erfahrung i. S. v. Selbst-Erfahrung. Mediation hat zum Ziel einen Öffnungsprozeß, heraus aus der Enge des Konfliktes, der vermeintlichen Ausweg-losigkeit. Sehen lernen, Perspektiverweiterung, Macht statt Ohnmacht, über das "Sich-Sehen" den anderen erkennen (Menschenliebe), über den anderen sehen (Spiegel), sich selbst erkennen.

Ich denke, die Arbeit an der Person des Mediators ist sowohl im Rahmen der Ausbildung wie auch während der späteren praktischen Arbeit in Form von Supervision hilfreich, ja unabdingbar. Zu verschieden ist die Arbeit und Belastung des Mediators von der des (auch vergleichsbereiten) Anwalts.

Die Familienrekonstruktion war für mich ein äußerst intensives Selbsterfahrungsseminar. Es hat mir sowohl bei der Arbeit an meiner eigenen Herkunftsfamilie wie auch beim Eintauchen in und Durchleben fremder Rollen unerwartete und aufschlußreiche Erkenntnisse ermöglicht und innere Muster deutlich gemacht. Ich habe in nahezu jeder Rolle etwas für mich gefunden, die unterschiedlichen Sichtweisen, aber auch das Empfinden der einzelnen Familienmitglieder nachgespürt und erfahren, vor allem aber auch die Abhängigkeit und Dynamik im Gesamt-Familiensystem.

In einer Rolle als leibliche Mutter eines Kollegen, der als Baby zur Adoption freigegeben wurde, konnte ich schmerzlich das innere Leid der Mutter am Geburtstag des verlorenen Sohnes spüren, Hypothek und Last eines vom Kopf arrangierten, nicht mehr abänderbaren Schrittes. Auch die Hilflosigkeit und Lähmung der trauernden Mutter beim Umgang der eigenen Familie mit diesem Tabuthema. Gleichzeitig war deutlich nachzuempfinden, was dieser Akt noch oder gerade nach Jahren mit meinem "Sohn" machte, was trotz materieller Versorgung und Liebe seiner Adoptiveltern in ihm vorging, wohin seine Gedanken und Wünsche ihn zogen, wo aber auch die Gedanken und Einstellungen der übrigen Familienmitglieder im Gesamtsystem der Familie lagen. Fiktive Wandlungsmöglichkeiten wurden durchgespielt. Ungesagtes ausgesprochen. Versäumtes nachgeholt, Friede geschlossen.

Für meine eigene Person wurde mir klar, welche tiefen Ängste vor Alleinsein, nicht (genug) geliebt zu werden, austauschbar sein auch tief in der Seele eines geliebten, wohlsituierten und in einem äußerlichen geordneten Familienverbund aufgewachsenen Menschen verborgen sein können. Mir wurde klar, was mir selbst gefehlt hat, für die übrigen aber vielleicht gleichwohl gepaßt hat. Was ich mir gewünscht hätte, was dies aber auch für die anderen an Veränderung bedeutet hätte.

Das Wichtigste, was ich für mich aber aus dieser Arbeit mitgenommen habe, war die Erkenntnis, daß aus diesem zunächst als schmerzlich empfundenen Geschehen (dem Dilemma) Ressourcen freigeworden sind, Ressourcen, die das Leben für mich nur so bereitstellen konnte. Diese Ressourcen bedeuten für mich, daß ich ungern etwas dem Zufall überlasse, ungern geschehen lasse, lieber mein Schicksal selbst in die Hand nehme. Es besteht das Bedürfnis nach Klarheit, Abschluß, Ordnung, Zäsur. Dies wünscht sich auch mein Gegenüber:

einen Schlichter, Ordner, Gestalter der Misere. Die für mich wertvoll zu nutzende Ressource birgt in meinen Mediationen die Gefahr, zuviel zu tun. Darauf muß ich mich immer wieder besinnen, mich zurücknehmen, auch den anderen etwas zutrauen, Vertrauen haben in die Kompetenz der Medianten.

Als Nachwirkung des Seminars bleibt:

"positive Gelassenheit", Dankbarkeit i. S. v. Vertrauen, daß jedes "Dilemma" ein Geschenk mit sich trägt, wir nicht am Dilemma festhalten brauchen, sondern unseren Blick darauf richten, welche positive Energie durch diesen Reiz in uns freigeworden ist. Oder wie einmal formuliert wurde: Was das Leben durch diese schwere Phase überhaupt erst an Ressourcen aus uns herausgeliebt hat  (Zitat:Verena Käst,
Sich einlassen und loslassen, 5. AuH. 1994).

Diese innere Einstellung hat mich persönlich und beruflich weitergebracht sowohl in meiner Haltung gegenüber sich trennenden Paaren wie auch beim Loslassen nach Abschluß der Mediation. Ich kann Vertrauen haben. Alles braucht seine Zeit. Und alles hat seine Zeit, auch und gerade in der Mediation und der Ausbildung dazu. Zum Mediator wird man nicht über Nacht, sondern nur Schritt für Schritt in einer ernsthaften Ausbildung mit Theorie, Praxis und Selbsterfahrung. Familienrekonstruktion war für mich hierbei ein wesentliches Element.

Schlußbemerkung

Das Heidelberger Institut hat als einziges BAFM-Institut ein Modul-System, welches Überregionalität sichert und ein breit gefächertes Angebot an durchweg interessanten und ,,horizonterweiternden" Veranstaltungen mit namhaften Referenten aus Deutschland und den USA bietet. Bi-Professionalität ist wie bei allen BAFM-Instituten Grundsatz. Für mich bedeutete diese Ausbildung die Umsetzung des lange gewachsenen Wunsches, den Umgang mit dem Konflikt als solchem zu lernen; den Umgang mit Rechtsfragen und Positionen hatte ich lange genug studiert und praktiziert. Hierbei war im Laufe der Zeit ein Unbehagen gewachsen, der distanzierte juristische Problemlösungsweg erschien mir immer öfter unbefriedigend. Mein Drang nach Innovation fand in der Weiterbildung zur Mediatorin durch das Heidelberger Institut die entscheidenden Anregungen und Inhalte. Gerade die Interdisziplinarität wirkte sich für die Teilnehmer beider Berufsgruppen spannend und bereichernd aus; den Themenbereichen der jeweils anderen Disziplin galt übereinstimmend das besondere Interesse der Teilnehmer. Insofern war es für mich (in der Rückschau) nicht überraschend, wie wertvoll der Bereich "Selbsterfahrung" für mich und meine Arbeit – nicht nur als Mediatorin, sondern auch als Rechtsanwältin – war.

Familienrekonstruktion im Rahmen der 200-Stunden-Ausbildung der BAFM als Selbsterfahrungsteil wird bisher nur im Heidelberger Modul-System angeboten. Leitung dieser Seminare: Jutta Lack-Strecker.

Friederike Woertge

Jahrgang 1955, ist seit 1982 als Rechtsanwältin in Nürnberg tätig. Sie wurde von September 1997 bis April 1999 am Heidelberger Institut für Mediation – Leitung Prof. Dr. Reiner Bastine und Rechtsanwältin
Lis Ripke -zur Mediatorin ausgebildet.

 

Aus Kind-Prax 5/2000



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