BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
Erfolg einer Mediation – wodurch wird er bestimmt?
Bericht aus der Praxis
In loser Folge stellt die BAFM hier Erfahrungsberichte aus der Praxis
der Mediation vor.
Unsere ursprüngliche Idee war, einen so genannten "Visitenkartenfall" vorzustellen, eine Mediation mit "idealem" Verlauf. Diese vor allem auf das Memorandum orientierte Sichtweise greift unseres Erachtens aber zu kurz. Es regte uns zu der Diskussion an,
woran die Qualität und der Erfolg einer Mediation gemessen wird. Für uns setzt sich eine "gute" Mediation aus vielen kleinen, oft auch mühevollen Schritten zusammen, die nicht in jedem Fall mit einem Memorandum enden muss. Vielmehr ist der Prozess in den Vordergrund zu rücken.
Die folgende Mediation findet im Rahmen einer Erziehungs- und Familienberatung (EFB) statt, einem kostenfreien Angebot im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe.
Herr A. (45 J.) und Frau A. (41 J.), beide berufstätig, sind seit 20 Jahren verheiratet. Die Eheleute haben 3 Kinder, alle stehen kurz vor dem Ausbildungsbeginn. Interesse der Eheleute ist die Regelung der Finanzen und wie beide gemeinsame Eltemverantwortung übernehmen können. Die Ehe ist seit Jahren stark belastet und von Trennungsabsichten geprägt, vielfältige psycho-soziale Unterstützung wurde bereits in Anspruch genommen. Frau A. hat bereits eine Wohnung gemietet, die Kinder äußern den Wunsch, beim Vater in der gemeinsamen Wohnung verbleiben zu wollen.
Anfänglich sind beide Ehepartner bemüht, schnelle und faire Einigungen zu erzielen. Mit immer klarerer Realisierung der Trennung wird deutlich, dass Frau A. die Trennung nur schwer akzeptieren kann, sie leidet sehr unter der Trennung zu den Kindern. Herr A. will so schnell wie möglich eine Klärung der Trennungsfolgen, bei Frau A. löst die Realität der Trennung Ängste, aber auch Wut und Zweifel aus. Unabdingbar ist es, den Prozess hier zu verlangsamen, in dem wir den von beiden geäußerten Befindlichkeiten Raum geben und würdigen, um anschließend an den Sachthemen weiterarbeiten zu können.
So gelingt es, den Hausrat aufzuteilen, eine Einigung über die Finanzierung des neuen Haushaltes zu treffen und wie der Kontakt miteinander und zu den Kindern gestaltet werden soll. Sie legen fest, dass klare Absprachen notwendig sind, um weitere Konflikte zu vermeiden. Der Kontakt zu den Kindern gestaltet sich für Frau A. im Laufe der Mediation entspannter. Frau A. kann zunehmend ihre "Opferrolle" ablegen, sie erkennt an, dass ihre Kinder nicht aus Mitleid, sondern aus ehrlichem Interesse Kontakt zu ihr aufnehmen. Auch lassen sich Absprachen bezüglich der Unterstützung der Kinder in ihrer Ausbildungssuche finden. Herr A. kümmert sich um formal organisatorische Dinge (Ausbildungszuschüsse) und trägt die finanziellen Mehrbelastungen (Fahrkosten). Frau A. übernimmt die Beklei-dungskosten der Kinder.
Herr und Frau A. tragen im Verlauf der Sitzungen kooperativ alle notwendigen Informationen über ihr Einkommen/Lebensbedarf zusammen. Es wird deutlich, dass der Bedarf von Herrn A. und der Kinder mit seinem Einkommen nicht gedeckt werden kann. Verhandlungen darüber, wie diese Bedarfslücke geschlossen werden kann, kommen ins Stocken. Finanzielle Einschnitte hinzunehmen, scheint vor allem für Frau A. nicht akzeptabel. Gleichzeitig kristallisiert sich heraus, dass Herr A. durch seine parallel verlaufende Psychotherapie zunehmend von dem Gedanken geprägt ist, schnelle, für ihn noch tragbare Lösungen anzustreben, um psychische Belastungen zu minimieren. Diese Grundhaltung behindert die Lösungssuche in der Mediation. Fraglich ist nun, welche Lösungen als ethisch vertretbar von uns mitzutragen sind. Nach gemeinsamer Reflektion der Konfliktdynamik entschieden wir uns, mit Herrn und Frau A. die Mediation hier zu beenden. Die zuvor erzielten Teilergebnisse sollen weiterhin Bestand haben, bzw. sind bereits verbindlich umgesetzt.
Fazit ist, dass die eigenen individuellen psychischen Prozesse der Beteiligten noch keine endgültige Einigung zulassen. Jedoch haben Herr und Frau A. modellhaft wesentliche Facetten ihres Konflikts miteinander lösen können. Gleichfalls haben sie die positive Erfahrung gemacht, dass sie fähig sind, an etlichen Punkten fair miteinander zu verhan-deln und sich trotz eigener Belastungen den besonderen Lebensbedingungen der Kinder zuwenden können. Mühevolle kleine Schritte sind gelungen, der endgültige "Wurf" war ihnen zu dieser Zeit noch nicht möglich.
Als Mediatoren sollten wir uns darüber bewusst sein, "emotionale Konfliktarbeit"
zu leisten. Erst die Analyse und Reflexion, das empathische Verstehen von begleitenden Emotionen, eröffnet uns die Möglichkeit, die Konfliktdynamik, die eingenommenen Positionen und die dahinter liegenden Bedürfnisse und Anliegen jedes Konfliktpartners zu erkennen und einer rationalen Bearbeitung zugänglich zu machen. Unabdingbar für uns als Prozessverantwortliche ist es, jederzeit kritisch zu überprüfen, ob die Verfahrensgrundlagen der Mediation eingehalten werden, um dem Auftrag, der an Mediation gestellt wird, gerecht zu werden.
Zentrale Aufgabe des Mediators besteht für uns darin, den Mediationsprozess fortlaufend detailliert und reflexiv in den Mittelpunkt zu stellen. Diese ständige Reflexion und die damit verbundene Angleichung unseres Handelns an die Bedürfnisse der Medianten scheint uns wesentlich für den Erfolg einer Mediation. Grundsätzlich muss sich Mediation jedoch im lösungsorientierten, strukturierten Rahmen bewegen. Welche Interventionen prozess-unterstützend im Einzelfall eingesetzt werden, wird sowohl durch die professionelle Ausrichtung der Mediatoren als auch durch die Konfliktdynamik des Paares und der Einzelperson bestimmt. Wie konkret und umfänglich die Lösungen sind, ist entsprechend der individuellen Bedarfssituation der Medianten unterschiedlich. Kernstück der Mediation ist, fortwährend mit den Medianten gemeinsam den Mediationsprozess zu reflektieren und die individuellen Lösungen bewusst zu treffen.
Karin Jacob, Mediatorin Psychologische Psychotherapeutin, seit 1992 in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle tätig
Sybille Markgraf, Mediatorin Ergotherapeutin, in der Familienhilfe freiberuflich tätig
Kind-Prax 2/2005
