BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
Von Engeln und Gutmenschen
Eine persönliche Nachlese zum Heidelberger Mediationskongress 2005
Sabine Zurmühl berichtete im Nachrichtenteil der BAFM im Kind-Prax 3/2005, Seite 121
mit eigenen Reflexionen über den diesjährigen BAFM-Kongress in Heidelberg, welcher unter dem Motto "Mediation zwischen Vision und Wirklichkeit" stand.
Sie hob in diesem Beitrag die souveräne und unerschrockene Sicht auf Praxis
und Zukunft der Mediation in Deutschland hervor. Ich möchte diese informative und klare Zusammenfassung eines komplexen Geschehens mit einer persönlichen Anmerkung zur Handlungsmaxime von Mediatorinnen ergänzen, d.h. zur Haltung, zum Selbstverständnis und zum Ethos. Nicht freiwillig, sondern weil ich gleich zu Beginn des Kongresses von unserem "unerschrockenen Moderator", Arnd Küppers, dazu herausgefordert worden war.
Völlig überraschend stellte er mir, statt mir ein moderates Eingangsstatement zu gönnen, die Frage: Frau Lack- Strecker, sind Mediatorinnen Gutmenschen? Bei dieser Frage verließen mich sowohl Souveränität, wie auch jede unerschrockene Sicht auf Praxis und Zukunft der Mediation. Wie sollte ich antworten – und kurz bitte, prägnant bitte auch, für ein großes Auditorium stimmig, für die Mediation zukunftweisend und besser auch nicht provozierend. War die Frage ironisch gemeint? Ich war nicht sicher, sonst hätte ich antworten können, dass Mediatorinnen Gutmenschen sein müssen, denn ohne das umfassende, ehrenamtliche, zeitaufwendige unermüdliche Engagement vieler wäre Mediation als eine mögliche Konfliktbearbeitungsmethode heute nicht in vielen Lebensbereichen implantiert, – wenn auch nicht überall bekannt, wie z.B. in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung, wie Cathrin Kalweit in ihrem Impulsreferat ausführte. Ich hätte fortfahren können, dass der BAFM-Vorstand und weitere ehrenamtliche Mitarbeiterinnen sich von Zeit zu Zeit Mut zusprechen, indem sie sich gegenseitig versichern, dass ihnen ein schöner Platz im Mediationshimmel sicher sei. Ich hätte auf unsere Geschäftsführerin Sabine Zurmühl, als Journalistin, Autorin und Mediatorin mit scharfer Beobachtungsgabe gesegnet, verweisen können, die eine Liste der bislang erreichten Eintrittspunkte aller BAFM-Mitglieder führe. Für den Fall, dass die Frage doch ironisch gemeint war, hätte ich noch ergänzen können, dass auch für die Teilnahme an diesem Kongress Eintrittspunkte für den Mediatonshimmel beantragt werden könnten; dieser Faden hätte sich amüsant weiterspinnen lassen. Ich ließ die Option einer solchen Antwort fallen. Zweite Option: Eine klare Bestätigung der Frage. Engel seien Mediatorinnen zwar nicht, aber Gutmenschen selbstverständlich, denn: "ein vermittelnder Mitmensch kultiviert Mitmenschlichkeit vor Ort nicht als Richter, der die Waage der Gerechtigkeit mit offenen oder verbundenen Augen in der eigenen Hand ausschwingen lässt. Eher kann er ein Eichmesser der Gerechtigkeit sein, der darauf achtet, dass mit Maßeinheiten gemessen wird, die mit den Menschenrechten übereinstimmen" (Joseph Duss-von Werdt, "homo mediator" 2005, S. 265), aber natürlich wäre mir das Zitat im Wortlaut nicht präsent gewesen.
Als dritte Option hätte ich die Eingangsfrage ebensfalls bejahen können, allerdings verbunden mit dem Hinweis, dass das menschliche Anliegen anderen viel zu geben, die zentrale Herausforderung für Mediatorinnen sei: sie müssten lernen dieses Bedürfnis zu zügeln, es umzuwandeln in Zurückhaltung, ja Askese in unerschrockenem Vertrauen darauf, dass die betroffenen Menschen die besseren Experten ihrer Konflikte seien und autonome Fähigkeiten besäßen, stimmige Lösungen zu entwerfen. Ich hätte weiter ausführen können, dass oft schwer zu unterscheiden sei, ob wir einem Menschen bei einem Konflikt helfen, ihm einen Konflikt abnehmen oder – als Wachstumsmöglichkeit – wegnehmen. Aber das wäre eine längere Ausführung und keine kurze Replik geworden.
Als Antwort in dieser Situation blieben mir letztlich nur ein paar verstolperte Sätze und Ideen wie: Beweglichkeit und Neugierde, sowie unerschrockener Respekt vor Menschen und anderen Lebensentwürfen als wir selbst haben, sei als biografische Mitgift und Grundausstattung für erfolgreiches mediatives Handeln wohl wichtiger, als das
"Gutmenschsein". Wäre ich weniger überrascht gewesen, hätte ich vielleicht auch auf meine eigenen Ausführungen zum Thema "Tradition und Mediation" (ZKM 2/2002) zurückgreifen können, wonach die so selbstverständlich geforderte Haltung von Mediatorinnen, nämlich unparteiisch, neutral, vorurteilsfrei, balanciert wertschätzend
etc. zu agieren, nur ausnahmsweise und im Idealfall eingelöst werden kann, da dies Mediatorinnen mit der Emotionalität, der Geduld und der Erfahrung von Engeln voraussetze. Dennoch: Was verbarg sich hinter der Frage unseres Moderators? Eine kleine, in Witz gekleidete Geringschätzung, gewiss nicht böse gemeint, nur etwas unterhaltsam ironisch? Oder war es doch ein intuitiver Hinweis auf einen möglichen "blinden Reck" in unserem professionellen Habitus? Oder wusste er gar, dass es nur sehr wenige Arbeiten gibt, in denen sich Mediatorinnen "über ihre eigene Motivation … klar werden und sich auch die eigene Emotionalität und Affektanfälligkeit bewusst machen" (Markus Troja und Stefan Kessen in: ZKM 6/1999)?
Diesen Faden greift Stefan Bamberg in seiner 2005 geschriebenen, noch nicht veröffentlichten Master-Arbeit an der Viadrina mit dem Titel: "Der Mediator -eine biographtheoretische Annäherung" auf. In seiner Zusammenfassung weist er daraufhin, dass im Rahmen von Selbstreflexion, Selbsterfahrung und Selbstevaluierung, z.B. welche Beschaffenheit hat meine "Konfliktbrille", sich neue Handlungsoptionen für die Praxis des Mediators erschließen könnten. Biographische Erkenntnisse könnten als hinzu" gewonnene Klarheit über die eigene Motivation, persönliche Ethik oder eigene "blinde Recken" als neues Selbst-bewusstsein und damit als Stärken in das Mediationshandeln integriert werden. Dabei könnten auch neue methodische Ansätze entstehen, die möglicherweise zur besseren Außenwirkung der Profession und für die Implantierung von Mediation in der Gesellschaft der BRD beitrügen.
Diese Überlegungen führen zurück auf das o.g. Impulsreferat von Cathrin Kaiweit, dass es mit der Außenwirkung von Mediation reichlich kläglich bestellt sei.
Engel und Gutmenschen können auf Außenwirkung verzichten, wir nicht. Engel müssen sich weder um ihre Bekanntheit, noch um ihren Ruf sorgen. Sie gelten seit jeher als Beschützer der Erdenbewohnerinnen, sie sind Synonyme für uneigennützige Hilfsbereitschaft und Symbole des Friedens. Gutmenschen tun Gutes in Bescheidenheit und Zurückhaltung. Sie vermarkten sich nicht, das wäre in Widerspruch zu ihrem Selbstverständnis. Aber Vermarktung der Idee der Mediation tut Not: denn das Konzept Mediation ist ein entscheidender Beitrag zur Autonomie und zur Selbstverantwortung jeder Bürgerin, jedes Bürgers, es schließt Freiheit (der Wahlmöglichkeiten), Bekenntnis zur Gerechtigkeit und damit Frieden ein. Aber dazu müssen Mediatorinnen und mögliche Klientinnen zueinander finden können.
Jutta Lack-Strecker Mediatorin BAFM
E-Mail: mediation@fulgraff.com
Internet: www.aeolosseminare.de
Kind-Prax 4/2005
