BAFM

Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.

Erfolg in der Mediation – alles hat seine Zeit

Die Orientierung an den Trauer-Phasen der Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross hat sich in unterschiedlichen Zusammenhängen bewährt. Auch in der Mediation wird die Anwendung dieser Phasen im Kontext von Trennung und Scheidung in vielen Ausbildungsinstituten der BAFM gelehrt. Unsere Autorin beschreibt in diesem Beitrage wie sie mit dem Ansatz von Kübler-Ross in der praktischen Mediationsarbeit umgeht.

Die Anfrage nach Familien-Mediation kommt oft zunächst allein von einem Elternteil.

Im Fall einer Mediations-Anfrage stand die Frau bereits vor der Unterzeichnung des Mietvertrags för die neue Wohnung, in die sie mit der Tochter ziehen wollte;för den Mann war alles "sehr überraschend" gekommen.

Ein guter Ausgangspunkt för Mediationsarbeit?

Alles hat seine Zeit…

Eine Trennung kann einen gleichen Schmerz auslösen wie der Tod eines Angehörigen.

Untersuchungen haben ergeben: Eine Trennung wider Willen ist anderen exis-tenzbedrohenden Verlusten gleichzusetzen, entsprechende Phasen der Trauerar-beit werden durchlaufen (Wotfgang Thalmann, Die Verhandlungsführung des Familienrichters bei "existenzgefährdenden" Familiensachen unter Berücksichtigung  des  Kübler-Ross-Phänomens", FamRZ 1984, 634 ff. m.w.N.). Die Bewältigung von Angst und Trauer läuft in mehreren Phasen ab (Verena Käst, Trauern – Phasen und Chancen der psychischen Prozesse, Stuttgart, 3. Aufl.):

• Die sog. Isolationsphase

Das Nicht-Wahrhabenwollen des Geschehens steht im Vordergrund.

In dieser Phase zieht sich der verlassene Elternteil verletzt zurück.

• Die Phase der Aggression, des Zorns

Das ist die Zeit, in der die Partnerin/der Partner – und die jeweilige Herkunftsfamilie – für alles verantwortlich gemacht wird, was die Beziehung belastet hat. Es wird der Wunsch geäußert, "es" heimzuzahlen, sich zu rächen.

• Die Phase des Verhandelnwollens

Der Elternteil, der die Beziehungsänderung als aufgezwungen erlebt, versucht alles, um das "Rad zurückzudrehen". Es werden zugestehende Angebote gemacht, um die drohende Veränderung abzuwenden. Führt das nicht zum gewünschten Erfolg, folgt:

• Die Phase der Selbstaufgabe, der Resignation

Die schmerzliche Veränderung wird als unabwendbar durchlebt.

Für das Verarbeiten des Verlustes benötigt jeder Elternteil unterschiedliche Zeiträume. Es gibt Rückfälle; ein jahrelanges Steckenbleiben in einer Trauerstufe.

Diese Phasen werden von den Eltern durchlitten, von Kindern und den Verwandten der jeweiligen Herkunftsfami-lien.

Nach dem Durchleiden kommt irgendwann die Zeit der Akzeptanz.

Beginn und Gestaltung der Mediationsarbeit – zur jeweils richtigen Zeit…

"Heute ist ein guter Tag zum gemeinsamen Planen der getrennten Zukunft."

Das ist wohl dann zu sagen, wenn beide Eltern die Akzeptanz-Phase erreicht haben:

Zeit und Energie werden verwendet für den "Aufbruch zu neuen Ufern".

Oft ist es aber so, dass die Eltern an verschiedenen Punkten stehen.

In dieser Zeit der unterschiedlichen Standpunkte ist es meine Aufgabe:

• Einzuschätzen, ob jede Partei ihre Interessen wahrnehmen kann

• einen Schwerpunkt zu setzen bei der Macht-Balance

Ist ein Elternteil in der Isolationsphase, der andere "auf dem Sprung" in ein neues Umfeld, ist die Kluft so groß, dass sie nur mit Zwischenschritten zu überbrücken ist: Wer sich von der Trennung überrascht fühlt, ist oft nicht in der Lage, mitzuarbeiten.   Eine   bevorstehende räumliche Trennung erfordert notwendige Absprachen. Befindet sich ein Elternteil in der Phase der Teilnahmslosigkeit, ist keine effiziente Zusammenarbeit möglich.

Die Teilnahmslosigkeit stößt beim anderen Elternteil auf Unverständnis, wird als "Aussitzen" und "Verzögerungstaktik" interpretiert. Ich nutze die Gegenwart beider Eltern: Hat nicht der Elternteil, der die Veränderung angestoßen hat, "Vorarbeit" geleistet, um Neues ansehen zu können? Mit dieser Wertschätzung wird bei dem Elternteil, der schnellere Schritte wünscht, um Vertrauensvorschuss geworben, dem anderen noch eine "Auszeit" zu geben.

Derjenige Elternteil, der sich nicht bewegt, sollte nicht das Tempo bestimmen. Ich rege an, dass die Eltern verhandeln, wann sie mit der Mediation beginnen, welche Möglichkeiten sie in der Zwischenzeit nutzen werden, um sich vorzubereiten.

Kann ein Elternteil seine Interessen nicht wahren?

Es gehört zu den Herausforderungen in der Mediation, das Machtgefüge in der Familie richtig einzuschätzen. Macht in der Familie – ein schillernder Begriff. Macht hat, wer den Zugang zu begrenzten Gütern kontrolliert. Trennen sich Eltern, sind zum einen die finanziellen Mittel begrenzte Güter, zum anderen ist es die Möglichkeit, mit den Kindern gemeinsame Zeit zu verbringen.

Ist ein Elternteil in der Verhandlungsphase, achte ich sehr darauf, dass kein Angebot erfolgt, mit dem sich dieser Elternteil, der um den Status quo ante bemüht ist, überfordert. Vordergründig mag die Bereitwilligkeit des verletzten Eltemteils den Mediationsprozess voranbringen. Aber es ist ratsam, das Tempo zu verlangsamen, großzügige Angebote von allen Seiten auf ihre Tragfähigkeit hin anzuschauen.

Erfolg mit Mediation – jede Zeit kann die richtige sein

Der Erfolg der Mediation kann bestimmt sein vom richtigen Zeitpunkt des Einstiegs. Aber das Warten auf die perfekte Welle ist oft nicht möglich: Gerade zu Beginn einer Trennung herrscht Regelungsbedarf.

Mediation kann in jeder Phase des Trennungsprozesses funktionieren, wenn ich den jeweiligen "Standort" einbeziehe. Das Verfahren gibt Sicherheit durch Ver-trauensvorschuss: Ich halte die Tür zum Vertrauensaustausch offen, die Eltern gewinnen Gestaltungsmacht.

Was gibt es für Sicherheiten, dass eine Vereinbarung eingehalten wird? Eine Frage des Vertrauens. Es gibt keine Sanktionen, außer … Vertrauensverlust.

Ohne Vertrauen wird jedoch keine Partei das Gewünschte erreichen (Gertrud Höhler, Warum Vertrauen siegt, 2005, S. 112 ff.). Das ist die Sicherheit: Vertrauen als attraktives Tauschgeschäft. Ist das Vertrauen da, werden auch weitere gewünschte Absicherungsmodalitäten vereinbart.

Mediation "wirkt" nicht allein durch das – überaus wertzuschätzende – geschickte Anwenden der Mediations-"Techniken"; sie hat überwiegend dann Erfolg, wenn es gelingt, Respekt und Vertrauen zu konkretisieren (Josef Duss-von Werdt, Zeitzeichen Mediation, Vortrag am l. Fachkongress der Bundesarbeits-gemeinschaft für Familien-Mediation [BAFM] in München am 6.12.1996).

Immer wenn es mir gelungen ist, Vertrauen zu wecken in die Mediation als sozialen Prozess, war die perfekte Welle da, in ihrem flow kam es zu zufrieden stellenden Ergebnissen.

Dorothee Göring-Weitz, Juristin, Mediatorin (BAFM)

Mitglied des interdisziplinären Arbeitskreises Mediation Düsseldorf- Niederrhein



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