BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.


Wo ist Familien-Mediation anwendbar ?

Überlegungen zum Familienbegriff

Die Familien-Mediation ist in einer Veränderung, ja Erweiterung begriffen.
Auf welche Felder ist sie anwendbar, wo verschieben sich Definition und Selbstverständnis ? Die Familien-Mediation entwickelte sich in Deutschland vor allem im Zusammenhang mit Konflikten innerhalb von Familien und zwischen Familien. In der Soziologie wird Familie zunächst definiert als eine enge Verwandtschaftsgruppe, wobei der lateinische Begriff „familia“ von „famulus, (Haussklave)“ herrührt und nicht die heutige Familie, sondern den Besitz eines Mannes (Pater familias) , d.h. seines gesamten Hausstandes (Ehefrau, Kinder, Freigelassene, Sklaven, Vieh) bezeichnete. Familia und Pater waren keine Verwandtschaftsbeziehungen, sondern Herrschaftsbeziehungen. Als wesentlich bestimmend für die begriffliche Fassung von Familie erscheinen die soziale, die wirtschaftliche, die politische und die rechtliche Funktion der Familie.

Die Entwicklung in modernen, v.a. westlichen industriellen Gesellschaften hat nun dazu geführt, dass politische, religiöse, wirtschaftliche, erzieherische, aber auch gesundheitspflegerische und psychohygienische Funktionen der Familie auf andere gesellschaftliche Institutionen übertragen werden.

Die Pluralisierung der Lebensformen hat dabei zu verschiedenen alternativen Lebensformen neben der „ Normalfamilie“ (als ehemaliger Grossfamilie oder heutiger Kleinfamilie) geführt: Einpersonenhaushalte, nichteheliche Lebens-gemeinschaften, kinderlose Ehen, Wohngemeinschaften, gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, Adoptivfamilien, Patchworkfamilien etc.

Für die Familien-Mediation bedeutet dies, dass sich die Anwendungsfelder enorm erweitert haben und deren Mediations-Gegenstand neu und umfassender zu
bestimmen ist.

Die Indikation für Familien-Mediation als bevorzugtem Verfahren gegenüber anderen Konfliktbearbeitungsinterventionen ist dann gegeben, wenn eine Konfliktlage zwischen realen Personen und/oder Gruppen neben den sachlichen Konfliktthemen auch von beziehungsorientierten- und psychodynamischen Konfliktanteilen bestimmt wird.

Der entscheidende Aspekt für eine angemessene Definition der Familie, bezogen auf die Konfliktbearbeitung durch Mediation, wäre dann nicht mehr nur die biologisch definierte „Familie“, sondern die intendierte Absicht, die Funktionen in beziehungsorientierten, familienähnlichen Systemen zu übernehmen, nachzubilden und weiter zu entwickeln.

Daher wäre für die Anwendung der Familien- Mediation heute sinnvollerweise eine
familien- systemische Definition zu versuchen, zu der familienangenäherte,
familienähnliche oder familienanaloge Systeme gehören.

In der Familien-Mediation geht es ja im Unterschied zu vielen anderen Konfliktbearbeitungsformen um die Frage, wie Konfliktkonstellationen in Systemen mit nicht nur sachbezogener Konfliktlage, sondern auch emotionalen und beziehungsrelevanten Konfliktlagen mediativ bearbeitet werden können, dass nicht nur ein sachlich vertretbares Ergebnis erzielt wird, sondern in einer Konflikt-bearbeitungsform, die eine persönliche, psychodynamische und beziehungs-orientierte Bearbeitung ermöglicht.

Je höher der Anteil eines sich hinter dem Sachkonflikt verbergenden psycho-dynamischem und systemdynamischem Konfliktes ist, um so sinnvoller und wirksamer ist die Technik und Haltung der Familien-Mediation mit ihrer Sichtweise, in der es nicht nur darum geht, dass ein Konflikt, sondern auch wie ein Konflikt bearbeitet wird, damit gewachsene und gewünschte Beziehungen zwischen Personen weiter bestehen und sich weiterentwickeln können.

Die unauflösbare Verbindung zwischen einem sachlichen und einem beziehungs- bzw. psychodynamischen Konfliktanteil wird in der Familien-Mediation am nachhaltigsten und deutlichsten gelehrt und gelernt.

Daraus ließe sich ableiten: potentielle Anwendungsfelder der Familien-Mediation sind alle familienähnlichen , familienanaloge Systeme, in denen Konfliktsituationen weder durch reine Sachergebnisse noch durch die Aufgabe bestehender Beziehungsverbindungen gelöst werden können.

In familienähnlichen Systemen (privater oder institutioneller Art) wären das Entscheidende für den Einsatz von Familien-Mediation nicht mehr vorrangig die verwandtschaftlichen Beziehungen der Konfliktparteien, sondern das Vorhandensein und die Bedeutung von auf Dauer oder für einen längeren Zeitraum angelegten persönlichen Beziehungen der Konfliktpartner. Diese persönlichen Beziehungen machen es häufig nicht möglich, den Konflikt sachbezogen, rechtlich oder durch Aufgabe der Beziehungssysteme hinreichend zu lösen. Familien-Mediation kann somit immer dann als das angemessene Konfliktbearbeitungs-modell angeboten werden, wenn es sich in Familien- oder familienanalogen Systemen um Konfliktbearbeitung handelt, in der ein annähernd gleich hoher Anteil an beziehungsdynamischer wie sachlicher Klärungsbedarf vorhanden ist. Das psychische Erleben der Konfliktbeteiligten bezüglich eines drohenden gravierenden Verlustes an emotionaler persönlicher Beziehung ist dabei unauflösbar mit den sachlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Konsequenzen eines Konfliktes verbunden.

Diese verschiedenen familienangenäherten Systeme unterscheiden sich dadurch, das sie mehr oder weniger konstante, situative, motivationale Systeme sind.

Zu den potentiellen Anwendungsfeldern der Familien-Mediation würden dann folgende Systeme gehören: naturale (Familien) Systeme, wie Groß-, Klein-, Stief-, Patchwork-, Adoptiv-, Nichteheliche-,v Pflegefamilien, soziale (familienähnliche) Institutionelle Systeme wie Heime, Wohngruppen, Krankenhäuser, Pflegeheime, Hospize, Vollzugsanstalten, kommunale Einrichtungen, Kirchengemeinden, Praxisgemeinschaften, etc sowie kulturelle (familienähnliche) Systeme, wie Lerngruppen, Freizeitgruppen, Arbeitsgruppen, politische, soziale Gruppen, Wohn- und Projektgruppen.

Die Anwendungsfelder der Familien-Mediation würden sich bei diesem Verständnis nicht
so sehr als „erweiterte“ Familien-Mediations- Felder verstehen, sondern als funktionale Bestimmung, da bestimmte Funktionen der Familie heute durch gesellschaftlich organisierte Aufgaben ersetzt werden und deshalb der Familien-Mediation zuordnen lassen.

Frauke Decker Mediatorin (BAFM), Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin, Ausbilderin am Berliner Institut für Mediation


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