BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.

Vom reflexiven Umgang mit eigene Mustern

Ein Plädoyer, die eigenen biographischen Spuren nicht zu verdecken.

“Muster ohne Wert” hatte man vor Jahrzehnten auf Geschenksendungen ins benachbarte Ausland zu schreiben. Das war zwar falsch, weil die Geschenke in der Regel nicht wertlos waren, aber es war Zollvorschrift. Auch unsere inneren Muster, so belastend sie sein können, sind nicht wertlos; sie gewinnen
ihren Wert allerdings erst, wenn wir sie kennen, uns ihrer bewusst sind, mit ihnen umzugehen wissen und sie fruchtbar einsetzen können. Und obzwar dies für jede Person gilt, hat es für Mediatorinnen besondere Bedeutung (vgl. Lack-Strecker, Jutta: „Familien-rekonstruktion für MediatorInnen”, in ZKM 2/2003, und „Rituale und Zeremonien in der Mediation”, in ZKM 1/2005).

Von Mediatorinnen wird auch nach eigenem Anspruch erwartet, dass sie allparteilich und balanciert wertschätzend auf alle Anliegen ihrer Medianten eingehen, und das heißt auch, allen Personen, welche an einer Mediation teilnehmen, vorurteilsfrei gegenüberzutreten. Diese Forderung klingt einfach und selbstverständlich und wird voraussetzungslos erhoben.

Aber alle am Mediationsprozess beteiligten Menschen leben nicht nur selbst in Beziehungen, sondern kommen ihrerseits aus unterschiedlichen Familien. In jeder dieser Familien bestanden je eigene Werte und Verhaltensmuster, eigene Traditionen, die bewahrt und weitergegeben wurden. Traditionen – und hierbei folge ich, ebenso wie bei
den Überlegungen zum Posttraditionalismus, Anthony Giddens – beziehen ihre Autorität aus rituellen oder offenbarten Wahrheiten, aus in ihnen verkörperten Weisheiten in praktischer Form. Dieses praktische Wissen kommt im Handeln zum Vorschein, in der Wiederholung formelhafter praktischer Vollzüge oder, psychologisch ausgedrückt, in unbewussten Mustern oder Stereotypien. Die Verhalten und Weitsicht prägenden Muster werden innerhalb der Familien von Generation zu Generation weitergegeben, selten explizit und bewusst sondern in der Regel implizit in Form gelebter Praxis, wodurch Emotionalität, Werturteile und Verhalten stärker als durch verbale Ermahnungen geprägt werden. Sie werden von den Familienmitgliedern bewahrt und geschützt und dies umso mehr, je weniger sie den Einzelnen bewusst sind. Familiäre Traditionen der beschriebenen Art können

• bewusst verteidigt,

• unbewusst gelebt und weitergegeben,

• abgelehnt und bekämpft oder

• ekklektisch behandelt

werden, mit allen Misch- und Zwischenformen. Die ersten beiden Verhaltensweisen bleiben in der traditionellen Sphäre. Bewusste Verteidigung in traditionellen Bahnen tendiert zu Fundamentalismen, während die unbewusste Weitergabe dem traditionellen “Normalfall’ entspricht. Die letzteren beiden Formen des Umgangs mit der Tradition gehören in den Kontext der gegenwärtigen allgemeinen Enttraditio-nalisierung. Allgemeine Ablehnung und Bekämpfung, in der Psychoanalyse antithetisches Gegenideal genannt, können zu ähnlich fundamentalistischen Verhaltensweisen führen wie die traditionale Verteidigung mit der zusätzlichen Gefahr der emotionalen Dissonanz. Ekklektisch, nur auswahlweise, kann man familiäre Traditionen behandeln, wenn sie bewusst, verstanden und reflektiert sind. Dann können solche ausgewählt und gestützt werden, die Kontinuität mit der Zukunft herstellen, und andere können bewusst aufgegeben oder verändert, umgeprägt werden. Giddens nennt dies einen sozial-reflexiven Umgang mit Traditionen. Dieser ist zweifellos die reifste Form, eigene Traditionen zu bearbeiten, nur: Was befähigt dazu? Wie gelangt man zu dieser Fähigkeit? In Traditionen und im Prozess der Enttraditionalisierung stehen alle an Mediationsverfahren beteiligten Personen gleichermaßen, nicht nur die Klienten, auch die MediatorInnen. Letztere können ihrer Rolle und Aufgabe nur gerecht werden, wenn sie in der Lage sind, mit ihren eigenen familiären Mustern und Traditionen sozial reflexiv umzugehen. Dabei können unterschiedliche Konzepte von Selbsterfahrung für MediatorInnen helfen, nicht im Sinne eines Wegweisers, der anzeigt, in welche Richtung man zu gehen hat, sondern durch Aufdeckung eigener Muster und einer neuen Interpretation der eigenen Vergangenheit. In dem Maße, in dem MediatorInnen eigene unbewusste Muster erkennen, sich ihrer Vorurteile bewusst werden und sozial reflexiv damit umzugehen lernen, gewinnen sie neue Möglichkeiten, sich der eingangs zitierten Forderung zu stellen, das heißt, möglichst vorurteilsfrei mit ihren Klienten umzugehen.

In den Aus- und Weiterbildungen für Mediatorinnen tauchen immer wieder Fragen nach “der Mediatorenpersönlichkeit” auf. Das geschieht während des Vertrautwerdens und in der Auseinandersetzung mit den spezifischen Methoden, Strategien, Interventionstechniken der Mediation fast von selbst. Und obwohl auch die Haltung von MediatorInnen in den letzten
5 Jahren in der Mediationsliteratur mehr und mehr ins Blickfeld genommen wurde, so werden doch die vielfältigen, klugen und nachdenklichen Fragen von Ausbildungs-teilnehmerinnen immer noch recht sparsam bedient. Zwar gibt es heute in fast jeder Mediationsausbildung vielfältige Übungen, Rollen-Spiele und vor allem Supervision, während derer TeilnehmerInnen Konzepte, Interventionen und sich selbst als Mediatoren-persönlichkeit erfahren und erproben können, die sie später selbst im professio-nellen Kontext einsetzen werden, doch fehlen Angebote, die unsere Muster, Werthaltungen, Sprachgewohnheiten etc. in ihren so häufig verdeckten Prägungen im Mehrgenerationenkontext aufgreifen. Ich habe im Ausbildungsangebot des Heidelberger Instituts in den letzten Jahren ein Selbsterfahrungs/Selbstreflexions-konzept aus der Systemarbeit erprobt und seither an mehreren Instituten und Universitäten angeboten
und durchgeführt: Familienrekonstruktion für MediatorInnen.

Die biografische Spur nicht zu verdecken, ist unüblich und macht verletzbar, ist aber für MediatorInnen meines Erachtens ein notwendiger Prozess. Notwendig in diesem Sinne meint, wendig werden aus Not, sich auf den Weg machen. Wir müssen unsere Wahrnehmung, unser Denken und unsere Sprache immer wieder einer Bestandsaufnahme unterziehen, um ihre Brauchbarkeit für einen mediativen Diskurs zu testen.

Jutta Lack-Strecker, Psychotherapeutin, Mediatorin (BAFM)

www.aeolos-seminare.de


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