BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
Mediation und Politik
Assoziationen zur sich wandelnden Konfliktkultur
“Wenn im Hafen eine Brandungsmauer gebaut wird, müssen viele Befestigungs-steine im Meer versenkt werden, bis die Krone zementiert werden kann. Die Steine sind unsichtbar, das Bollwerk scheint nur aus der Krone zu bestehen, tatsächlich ist es umgekehrt.”
Wolf Werdigier(1)
Die Familienmediation, wie sie Grundlage und Orientierung der BAFM ist, gibt ebenso Prinzipien vor, die immer wieder und vielleicht immer mehr auch im Bereich der Politik und ethnischen Auseinandersetzungen ihre Sinnhaftigkeit erweisen.
Einige Situationen und Spannungen der letzten Monate mögen dafür als Beispiele dienen.
Das knappe bundesrepublikanische Wahlergebnis im Herbst 2005 führte bekanntlich zu einer besonderen Verkantung zwischen den beiden großen Parteien, insbesondere ihrer Spitzenleute: dem Noch-Kanzler Schröder und der Beanspucherin dieses Amtes, Merkel. Wäre eine solche Situation zu mediieren, wünschten sich die Beteiligten einen mediativen Rat, so hätte der wohl in erster Linie in der Idee bestanden, die auch jeder Familienmediation innewohnt: von den Positionen zu den Interessen zu gelangen. Fragen wären zu entwickeln: Worin bestehen die vorliegenden Aufträge, welche Interessen sind unverzichtbar, welche Interessen wären mehr der äußeren Behauptung der Positionen geschuldet? Vor allem: Wie wäre eine Veränderung, eine schrittweise Bewegung in Gang zu setzen, der den Beteiligten erlaubt, ihr Gesicht zu wahren, also nicht in der Vernichtung, der Herabsetzung, dem Verächtlichmachen des anderen besteht, sondern aus Gegnern, gar Feinden, jedenfalls Kontrahenten nach landläufiger politischer Definition, Partner im Ringen um ein gemeinsames Ziel werden zu lassen?
Die politische Situation hat letztlich mit der Großen Koalition zu einem neuen Procedere geführt, das eben diese Akzeptanz des früheren Gegners nun üben muss, einübt. Die Koalitionsvereinbarung kann in ihrem Tenor als Bemühung um mediative Elemente bezeichnet werden. Womit nicht nur ein neues Kapitel Parteiengeschichte geschrieben ist, sondern auch ein neues Kapitel politischer Kultur in der Bundesrepublik sich etabliert, das sich der Prinzipien der Mediation wie Fairness, Glaubwürdigkeit, Interessenorientierung statt starrer Positionen, Härte in der Sache, aber Respektierung der anderen Seite, zu bedienen bemüht.
Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass nicht zufällig die Wurzeln der Nachkriegsmediation in der Menschenrechtsbewegung liegen, in einer Achtung der Gleichheit und Mündigkeit der Menschen, wie sie z.B. die Schwarze Bewegung in den USA bei ihrem Kampf gegen Diskriminierung formulierte. Neben diese menschenrechtlichen Traditionen tritt innerhalb der Mediation insbesondere die Achtung des anderen, die Umdefinition eines “Gegners”, gar “Feindes” jenseits von Lagerdenken und Grabenkriegen.(2)
Ebenfalls nicht zufällig erreicht diese Philosophie die politischen und privaten Konfliktkulturen zu einem Zeitpunkt, in dem die großen Lager des Kalten Krieges verschwunden sind. in dem die politisch-ideologische Unbedingtheit, ja Ein-seitigkeit langsam nicht mehr als Stärke gilt. Die Muster des Sieger-Verlierer-Prinzips, das Schwarz-Weiß-Denken, wie sie jahrzehntelang Staatsgrenzen- verläufe, Konferenzen, Atomkriegsdrohungen und Agentenfilme beherrschten, haben sich zuallererst auf der Ebene der Scheidungskriege aufgelöst. Der Klassiker unter den Büchern zur Famitienmediation lautet “Scheidung ohne Verlierer”,(3) und dokumentiert eine neue Haltung: dass zu Konflikten immer zwei Parteien gehören, dass Beziehungsmuster von Opfern und Tätern einer Dynamik unterliegen können, dass nur diejenige Regelung auch eigenen Respekt erhalten wird, wenn alle Beteiligten respektiert und nicht durch Herabwürdigung entmachtet werden, sie sollen im Vertragspartner sich selbst achten können. Häufig dienten die Rituale der Politik zu nichts anderem, als den Gegner möglichst nachhaltig seines Ansehens, seiner Potenzialität zu berauben. In den siebziger Jahren gab dazu bereits wertvolle Hinweise der Soziologe Klaus Theweleit mit seinen Arbeiten zu “Männerphantasien”.(4)
Und es sei in diesem Zusammenhang an das Erstaunen, ja die Bewunderung weiter Teile der Presse erinnert, als die nun Kanzlerin Merkel die EU-Verhand-lungen um die Zukunft der EU-Gelder vor dem Scheitern bewahrte. Es war von der “Retterin von Brüssel” die Rede. Auch hier geben die Prinzipien der Mediation mögliche erklärende Hinweise. Wie eben beschrieben, gilt es gerade in den von Männern dominierten politischen Zusammenhängen, dieser Ritualisierung der männlichen Elitewelten, eine neue Definition von Auseinandersetzung einzuführen. Viele der Beteiligten gehören (noch) einer Welt an, in der männliche Mitglieder von Gruppen, Regierungen, Aufsichtsräten etc. gewissermaßen durch “Initiationsriten” ihre Zugehörigkeit verdienen, ja erleiden mussten. Die Systematik, selbst durch eine Prüfung geistiger oder körperlicher Art erniedrigt zu werden, um dann zu denen zu gehören, die selbst: “niedrigen oder verletzen dürfen, (das Verpassen der “Schmisse” beim Fechten ist inzwischen in der Bundesrepublik verboten), all dies sind ritualisierte Zusammenhänge, denen eine Frau , so politisch hoch sie auch angesiedelt sein mag, nicht gleichermaßen unterliegt, eine kulturelle Gegebenheit, die gleichermaßen als Mangel beklagt wie aber auch als Ressource und Freiheit zum Handeln interpretiert werden kann. Die Nicht-Zugehörigkeit zum gesicherten Ritual hat manches Mal einen “kultivierenden” Effekt, die fremde andere, von deren größerer Chance, als Vermittlerin anerkannt zu werden, nicht nur die Konflikt-forschung für Leitungspositionen zu berichten weiß.
Bleibt als Drittes hinzuweisen auf die Fortschritte, die der internationale Zusammenhang der Familienmediation mit Blick auf die “peace mediation”, auch auf Mediation in ethnischen Konflikten, macht. Im Dezember 2005 fand in Kopenhagen die erste Sitzung des European Mediation Forums statt, auf dem insbesondere Familienmediatoren anwesend waren und Strukturen für künftige Zusammenarbeit erörterten. Nicht zuletzt die Erfahrung skandinavischer Kolleginnen und Kollegen, gerade auch der Norweger, wird z.B. in Frankreich
und dem Westbalkan nützlich sein können in den dort aktuellen ethnischen Konflikten. Gerade Mediation im lokalen Bereich, der keiner großen Außenauf-merksamkeit unterliegt, hat in diesem Falle Chancen, vermittelnde Phantasie zu entfalten. GlasI (5) spricht in diesem Zusammenhang – orientiert an Rudolf Steiners Kategorisierung der “warmen und kalten Krankheitstypen” (1920) von “heißen” und “kalten” Konflikten, die zwischen den Extremen von Idealbetontheit und eisiger Destruktion der Kontakte anzusiedeln sind.
Diehistorische Situation stellt gerade auch für die Familienmediation mit ihren Erfahrungen im Binnenbereich der familiären Verletzungen und Kommunikations-störungen und deren Auflösung mithilfe mediativer Techniken eine wachsende Chance dar, auch politische Konflikte mit ihren Kämpfen zwischen Gesichtsverlust und Gesichtswahrung, Einflusswahrung und Destruktion, Verunsicherung und Selbstvertrauen konstruktiv zu begleiten, hart in der Sache, glaubwürdig im Verfahren.
Christoph C. Paul, Rechtsanwalt und Notar, Mediator (BAFM)
Sabine Zurmühl, M.A., Autorin, Mediatorin (BAFM)
1 Vgl. Wolf Werdigier: “Die Stadt als Brennglas im ethnischen Konflikt”, in: Handbuch Mediation, WEKA Verlag Wien 2002, hg. von Susanne Kleindienst-Passweg und Eva Wiedemann, Kap. 7, S. 1.
2 Vgl. die sehr instruktive Darstellung der Mediationsverfahren ab der Antike bei: Joseph Duss-von Werdt: “homo mediator”. Geschichte und Menschenbild der Mediation. Klett-Cotta Stuttgart 2005, S. 139.
3 Siehe John M. Haynes, Reiner Bastine u.a. “Scheidung ohne Verlierer”
Kösel-Verlag München 2002, überarbeitete und aktualisierte Ausgabe der Auflage von 1993. Vgl. auch die gleichnamige Filmdokumentation von Sabine Zurmühl, WDR 1998.
4 Klaus Theweleit: Männerphantasien, Verlag Stroemfeld – Roter Stern,
Frankfurt am Main, 1978.
5 Vgl. Friedrich GlasI: Konfliktmanagement, 8. aktualisierte Auflage,
Haupt Verlag Bern Stuttgart Wien, S. 77 ff.
