BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
“Mediation” zwischen Völkerrecht und Histamin
In der Redaktion der Süddeutschen Zeitung habe sie kaum jemanden getroffen, der mit dem Begriff “Mediation” etwas anfangen könne und in der Öffentlichkeit sei Mediation weitgehend unbekannt, trug Cathrin Kahlweit auf dem Kongress der BAFM 2005 in Heidelberg vor.
Die anwesenden FamilienmediatorInnen hörten das gar nicht gern. Dazu eine einschlägige eigene Erfahrung: Vor einigen Jahren kam ich, nachdem am Vorabend eine einstündige Sendung über Familienmediation im 3. Programm des damaligen SFB gelaufen war, in die Filiale meiner Bank, wo mich die Kassiererin begeistert begrüßte: “Ich habe Sie gestern
im Fernsehen gesehen, die Sendung von Ihnen und Ihren Kolleginnen fand ich sehr interessant, ich habe auch viele Jahre meditiert.” Und vor der letzten Erweiterung des Frankfurter Flughafens hatte die damalige hessische Landesregierung ein Mediations-verfahren durchführen lassen. Im Kommentar einer großen überregionalen Zeitung wurde es beschrieben als “eine Art Palaver, um die Opponenten zu beruhigen”.
Ganz in diesem Sinne dachte man in einer großen Berliner Entsorgungsfirma, als man einen Mediator suchte im Rahmen einer Standortentscheidung für eine neue Verbren-nungsanlage. Mit Mediation war Mithilfe bei der öffentlichen Akzeptanzbeschaffung gemeint. Daran krankte auch die Mediation in Böhmen vor Ausbruch des dreißigjährigen Krieges. Mediatoren als Vermittler oder Schlichter gehörten zur Vertragskultur Alteuropas. Der 1618 eingesetzte Mediator, kein geringerer als der Kurfürst von Sachsen mit zwei weiteren kurfürstlichen Co-Mediatoren, musste scheitern, weil Habsburg auf der Unter-werfung der böhmischen Landstände bestand. Wir wissen auch heute um die Schwierig-keiten einer Mediation bei zu großem Machtgefälle. Wie die Athener schon im pelopon-nesischen Krieg den Meliern sagten, die sich gegen ihre Besetzung wehrten und sich auf ihre Verträge mit Athen beriefen: “Verträge kann es nur unter Gleichstarken geben”, jedenfalls dann, wenn es keine Sanktionsinstanz gibt.
Joseph Duss-von Werdt ist einer der sorgfältigsten Chronisten der Geschichte der Mediation (siehe sein Buch “homo mediator” bei Klett-Cotta 2005). Durch ihn kann man
Johan Friedrich Wilhelm Neumann aus Wien kennen lernen, der 1676 über das Amt des Mediators schrieb und dabei betonte, “Unvoreingenommenheit und Neutralität sind selbstverständlich”. Oder Ernst Friederich Meurer aus Jena, Samuel Rachel aus Kiel und Johann Woifgang Textor aus Basel, die alle im 17.Jahrhundert zu der Idee der Mediation und zum Amt des Mediators publizierten. Auch historische Vermittlerinnen wie Agnes von Poitou oder Margarete von Österreich, die jeweils in kriegerischen Konflikten vermittelnd und konstruktiv tätig wurden. Dies alles aber als historischer Faden und Linie des Gedächtnisses, wie Gemeinwesen, Familien, Institutionen mit ihren Konflikten umgehen lernten, ist leider weitgehend abgerissen, in Deutschland vielleicht nicht zufällig durch eine lange Tradition des polaren Denkens im Kalten Krieg, eine Kultur des Entweder-Oder, die mit dem Begriff der “Vermittlung” etwas Weiches, Indifferentes, Defensives verband. Was finden wir in Lexika unter Mediation? Meyers Konversationslexikon, 5. Auflage von 1897 nennt unter Mediation Vermittlung und verweist auf das Stichwort Mediateur. Dort heißt es “in der Politik und im Völkerrecht Bezeichnung derjenigen Macht, welche zwischen anderen Mächten obwaltende Streitigkeiten auf dem Wege der Unterhandlung beizulegen sucht”.
Es folgen Beispiele. Auch der Große Brockhaus, 16. Auflage von 1955, kennt Mediation als “eine aktive Vermittlung mit bestimmten Vorschlägen, die ein Staat in einem Streit zwischen anderen Staaten ausübt”. Ähnlich ist im Brockhaus-dtv-Lexikon von 1976 Mediation Vermittlung und der Mediator eine Mittelsperson. Im 20-bändigen Lexikon des ZEIT-Ver-lages von 2005, dem neuesten auf dem Markt, ist Mediation “die Vermittlung eines Staates in einem Streit zwischen anderen Mächten”, aber unter Mediatoren finden wir eine “Gruppe von Wirkstoffen, die bei bestimmten Krankheitszuständen u.a. bei Allergie und Schock, aus Zellen freigesetzt werden und unmittelbar auf benachbarte Zellen einwirken Zu den Mediatoren gehören Histamin, Serotonin, Kinine und Prostaglandine”.
In diesen Wirkstoffen haben Familienmediatoren starke Konkurrenten um öffentliche Aufmerksamkeit. Scheint Frau Kahlweit doch Recht zu haben, wenn sogar die allwissenden Lexikonredaktionen Mediation ausschließlich zwischen Völkerrecht und Histamin an-siedeln? Sind diese Redaktionen der Lebenswirklichkeit so weit entrückt, dass sie von Umwelt-, Wirtschafts- oder Schulmediation, um nicht nur von Familienmediation zu reden, noch nie etwas gehört haben? Oder arbeiten wir Mediatorinnen alle so klandestin versteckt, dass davon wenig nach außen dringt? Trotz erfolgreicher, gut besuchter Mediations-kongresse und Fachtagungen, der Etablierung von Familienmediation an Familengerich-ten, der Empfehlung Nr. R (98)1 des Europarats, der zunehmenden Offenheit und Unterstützung der Bundes- und Länderregierungen, ihrer Ministerien und Institutionen,
und, nicht zu vergessen, trotz des Platzes, den der Bundesanzeiger Verlag der Mediation
in seiner ZJK, der Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, der Mediation einräumt? Da bereiten wir mit aller Sorgfalt und mühevollen Abstimmungsprozessen Entwürfe für Gesetzestexte vor, und nur wenige wissen, worum es geht.
Darum muss es ein wichtiger Vorsatz für das Jahr 2007 für die BAFM und ihre Mitglieder, aber ebenso auch für alle anderen Mediationsverbände und deren Mitglieder sein, Begriff und Inhalt von Mediation in breiter Öffentlichkeit verständlich bekannt zu machen. Die Notwendigkeit dieses Vorsatzes ist erkannt, aber wie gehen wir ihn an? Jede mediatorisch tätige Person, der möglicherweise Englein um Weihnachten dazu etwas eingegeben haben, zögere nicht, diese Ideen zu verbreiten. Und wer immer Gelegenheit hat, mit Kommunika-toren zu sprechen, lege ihnen Mediation ans Herz und auf die Zunge. Und ganz dringlich müssen wir die Lexikonredaktionen davon überzeugen, dass es uns gibt.
Immerhin hat die Brockhaus-Redaktion eine Anregung des BAFM-Vorstandmitglieds,
Friederike Woertge, gern aufgenommen und gelobt, in der nächsten Ausgabe auch die Mediation als soziale Vermittlungstätigkeit genauer und aktueller zu beschreiben. Vielleicht kann dann der geneigte Nachschlager ab 2012 in den Neuauflagen erfahren, dass es eine Mediation neben Völkerrecht und Gewebshormonen gibt, die als soziale Innovation in Deutschland dann schon immerhin ein Vierteljahrhundert besteht.
Dipl.-Psych. Jutta Lack-Strecker, Sprecherin derBAFM, www.aeolos-seminare. de
