BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
Europäisches Mediations-Netzwerk
Mit der Gründung einer Initiative für ein “European Mediation Network” schloss die Mediationskonferenz Ende Mai 2006 in Helsinki.
Hier einige Berichte und Notizen
Anlässlich der Konferenz des Nordischen Forums für Mediation in Helsinki vom
25. bis 28. Mai 2006 trafen sich die Vertreter von 35 europäischen Nationen;
48 waren eingeladen, aber aus finanziellen Gründen konnten nicht alle kommen. Außerdem trafen sich Mediatorinnen und Mediatoren aus vielen europäischen Ländern, vorwiegend Skandinavien, ein großer Teil auch aus dem westlichen Balkan. Aus Deutschland nahmen u.a. vom Bundesverband Mediation (BM)
Jutta Hohmann und Inka Heisig, von der Deutschen Gesellschaft für Mediation (DGM)
Dr. Ulrike Rüssel, Ingolf Schulz von dem Europäischen Forum für Forschung und Ausbildung in Familienmediation (EF), und von der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation (BAFM) Jutta Lack-Strecker und Christoph C. Paul teil.
Auf der Konferenz wurde der Reichtum an Mediationspraxis in Europa sichtbar. Neben
der Nachbarschafts- und Schulmediation, der Familien- und Wirtschafts-mediation, dem außerordentlich gut etablierten Täter-0pferausgleich, sowie der Umweltmediation wurden Bereiche sichtbar, die bei uns in Deutschland weniger oder gar nicht präsent sind, insbesondere die peace-mediation (z.B. Nord-Irland, Balkan, Palästina). In den Bereichen der Friedens-Mediation, der Schul- und Nachbarschaftsmediation, sind in Europa häufig Freiwillige tätig, die nur ein beschränktes Mediationstraining erfahren haben. Die Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen der Familien- und Wirtschaftsmediation hingegen sind europaweit sorgfältig ausgebildet, haben Mediation in Theorie und Praxis nebst Supervision vermittelt bekommen und zu den Abschlüssen der Mediationsausbildungen teilweise auch Praxisfälle dokumentiert. Es wurde deutlich, dass
es für einen zukünftigen Europäischen Standard wünschenswert wäre, sowohl Mediations-ausbildungen wie auch die entsprechende Praxis bi-professionell zu konzipieren und zu handhaben.
Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit war einer der Gründe dafür, dass ein langsamer Prozess des Aufeinanderzugehens der Gründung eines Dachverbandes auf europäischer Ebene vorgezogen wurde. Der Arbeitstitel des Europäischen Netzwerkes lautet daher: “European Mediation Network Initiative”.
Die vorläufigen Ziele dieses Netzwerkes lauten:
1. Austausch bezüglich Forschung und Praxis der Mediation in Europa durch Konferenzen, Workshops etc.;
2. Kooperation der Mediatorinnen und Mediatoren im Rahmen eines Netzwerkes, z.B. durch gemeinsame Projekte, wechselseitige Verweisung sowie Aufbau einer Website;
3. Schaffung einer gemeinsamen Stimme z.B. gegenüber der Europäischen Union und
dem Europarat.
Es wurde ein Executive-Board installiert (mit jeweils einem Vertreter aus Norwegen, den Niederlanden, Österreich und Schottland), außerdem ein Advisory-Board mit einigen ausgewählten nationalen Ansprechpartnern. Christoph Paul, der schon im Dezember 2005 mit den Europäischen Netztwerkgründern in Kopenhagen zusammengetroffen war, wurde gebeten, die Interessen für die Bundesrepublik Deutschland zu vertreten.
Die nächste Konferenz der “European Mediation Network Initiative” wird vom
7. bis 9. Juni 2007 in Wien stattfinden. Es wäre eine große Chance, wenn sich zu dieser Konferenz neben einer großen Anzahl von Interessierten auch viele Mitglieder der Deutschen Mediationsverbände zusammenfänden, nicht nur, um die vielfachen Mediationsansätze mehr und mehr kennen zu lernen, sondern auch, um an der
lebendigen Ausgestaltung des Deutschen Netzwerkes/Deutsches Forum Mediation
und der Europäischer Initiative mitzuwirken.
Jutta Lack-Strecker, Mediatorin (BAFM), Psychotherapeutin
Christoph C. Paul, Mediator (BAFM), Rechtsanwalt und Notar
Zum Beispiel Cross Cultural
Der Kongress war fabelhaft organisiert. Das Verhältnis zwischen allgemeinen Vorträgen,
an denen ein größeres Publikum teilgenommen hat, und zahlreichen kleineren Arbeits-gruppen, mit einer unterschiedlichen Anzahl von Teilnehmern, war ausgewogen und hat dazu beigetragen, dass jeder Teilnehmer auch selbst aktiv an dem Kongress teilhaben konnte.
So hat unter dem Thema Cross-cultural mediation ein Arbeitskreis stattgefunden, der sich mit der Anwendbarkeit von Mediation in Fällen der Blutrache beschäftigt hatte. Es wurde ein authentischer Fall mit Hilfe eines Films dargestellt. Der Film zeigte einen ehemaligen Lehrer in einem ländlichen Teil Albaniens, der zwischen zwei Familien versuchte eine Einigung herbeizuführen. Erst nachdem diese zustande gekommen war, haben sich die Familien getroffen und die Beilegung der Familien-fehde miteinander aufwendig gefeiert. Es zeigte sich auf beiden Seiten Erleichterung und innige Verbundenheit zwischen den Familien. Es wurde deutlich, dass die Person des Mediators, hier des ehemaligen Dorflehrers, einen be-deutenden Einfluss auf die Bereitschaft der Familien hatte, Mediation anzunehmen. Er war einer von ihnen. Der Umgang mit beiden Familien war durch kulturelle Gegebenheiten geprägt. Die Aufnahme der Gespräche erfolgte unter großem Respekt den Familien-Strukturen gegenüber. In abseits gelegenen ländlichen Teilen Albaniens, in denen die Justiz nicht so gegenwärtig ist, kommt der Mediation eine bedeutende Rolle zu.
Yvonne Vita, Rechtsanwältin
Zum Beispiel Symbole
Mir gehen noch viele Bilder, Geschichten und Worte durch den Kopf, die Nähe und Verständnis in der Mediation symbolisieren: der Schuh, den Hans Boserup (DK) hoch hielt, nicht um damit zu drohen wie Chrustschow, sondern um ihn sich anzuziehen, um zu erfahren, wie sich der Klient darin fühlt; das lappländische Paar, das die entscheidenden Fortschritte in der Mediation während gemeinsamer stundenlanger Autofahrt zum Mediator machte, so Ben Furmann (SF), Arzt und Psychotherapeut mit eigener TV-Sendereihe; Lewis Carroll’s Alice, die nicht mit dem Pudding bekannt gemacht werden wollte, weil sie ihn dann nicht mehr hätte essen können; der eingängige Name eines Mediationsintegrationsprogramms, das Finnen, Russen und Somalier betraf: “Let’s Talk”.
Ingolf Schulz, Mediator (BAFM), Rechtsanwalt
Zum Beispiel Visionen
Nach zweieinhalb Tagen, mit bester Organisation und vielen anspruchsvollen Themen, sprach zum Abschluss Nils Christie über die Mediation als Ideologie. Es wurde schnell klar, dass er nicht nur eine Ideologie, sondern viel mehr eine weitsichtige Vision andeutete. Wie anders ist die Antwort auf die Frage, woher das große und wachsende Interesse an der Mediation kommt, zu verstehen, die lautet “Es ist kein Raum für Ärger und Wut in unserer modernen Gesellschaft.”?
Aber die Vision fängt ganz nah an und ist trotzdem umfassend, denn die Mediation, sagt Nils Christie, kann helfen, dass wir uns gegenseitig in unserer von Experten durchsetzten Gesellschaft nicht mehr in Segmente aufteilen, sondern als umfassendes Individuum sehen, mit Kenntnissen, Fähigkeiten, mit Emotionen und mit Fehlern.
