BAFM
Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V.
Bericht aus der Mediationspraxis:
Möbelrücken und Abschied
In der Praxis der Mediation ergeben sich immer wieder die Fragen,
ob man den Medianten gerecht wurde, was man für (zu) wichtig oder sträflicherweise für zu unwichtig erachtet hat, wie Sympathie und Antipathie sich auswirkten. Haben wir zu viel oder zu wenig eingegriffen, haben wir Prozesse gestoppt, die sich hätten entwickeln können; haben wir Regelungen protegiert, die nicht wirklich gewollt waren? Immer wieder wird eine große Verantwortung deutlich, die wir als MediatorInnen in unserer Arbeit eingehen, aber auch die große Freiheit, die die Medianten haben, wenn sie sie sich denn nehmen wollen.
Frau K. hatte die Mediation angeregt. Sie arbeitete – nach Kinderpause – seit
6 Jahren wieder als Lehrerin, Herr. K., von Beruf Ingenieur, war längere Zeit arbeitslos gewesen und arbeitete jetzt als Computerfachmann, einerseits in einer festen Dreiviertel-Stelle, andererseits mit freien Aufträgen. Beide hatten die Töchter Anita (15)
und Heien (13).
Das Paar wollte sich trennen und die Modalitäten des Umgangs mit den Kindern sowie die Finanzen klären.
Zunächst wirkte Frau K. als die Schwächere, Erschöpftere, traurig und mutlos, während ihr Mann eher zu aktiv alles an Zahlenmaterial und Auskünften beibrachte, was ihm möglich war, und er immer wieder betonte, wie wichtig auch ihm eine Einigung sei.
Im Laufe der Mediation verschob sich dieser Eindruck, vielleicht könnte man sogar sagen:verwahrheitete sich als eine Konstellation, in der Frau K. das Sagen hatte, wohl in der Beziehung als die Aktivere immer gehabt hatte, und dass auch sie diejenige gewesen war, die die Trennung wollte, u.a. wegen der “Passivität” ihres Mannes.
Als das Paar die Mediation aufsuchte, war Herr K. bereits seit 6 Wochen zu Hause ausgezogen. Die Töchter wohnten weiter im Haus bei der Mutter.
Die Regelung der Finanzen benötigte einige Sitzungen, endlich aber stellte sich heraus, dass Herr K. mehr als den Versorgungsbetrag der Düsseldorfer Tabelle für seine Töchter zu zahlen bereit war und dass für Frau K. mit ihrem Gehalt als Lehrerin ein Unterhalt durch ihren Mann gar nicht in Rede stand. Vielmehr zeigte sich im Laufe der Sitzungen, dass Frau K. weniger um Geld, denn um Fürsorge und Anerkennung mit ihrem Mann stritt, dass sie neidisch war auf seine zeitliche Freiheit durch die reduzierte Arbeitszeit, die ihm ermöglichte, den Freitag regelmäßig für sich frei zu nehmen, während sie Schuldienst hatte und sowieso “den ganzen Laden schmiss.”
Demgegenüber äußerte Herr K. immer wieder den Wunsch, mehr von seinen beiden Töchtern in seiner neuen Wohnung besucht zu werden. Er sprach von seinem Schmerz, dass in dem gemeinsam eingerichteten Haus nun – nach seinem Auszug – die Möbel anders stünden, von ihm “gar nichts mehr übrig” sei. Es wurde tatsächlich deutlich, dass sich hinter ihm “die Lücke” geschlossen hatte und seine drei Frauen scheinbar ganz gut ohne ihn auskamen. Sie bestanden sogar darauf, dass er die von ihm noch vorhandenen Möbel bitte auch ausräumen solle.
Dieses Wegräumen seiner letzten Möbel, die ihm wohl erschienen wie die einzige Zeugenschaft dafür, dass auch er einmal in diesem Haus gewohnt und ein Zuhause gehabt hatte, gestaltete sich zu einem großen Problem. Herr K. versprach diesen Rest-Auszug immer wieder und hielt aber dieses Versprechen nicht ein, sodass er mehr und mehr in die Rolle als Versager und Lügner geriet.
In dieser Mediation wurde deutlich, was auch für viele andere Trennungs-mediationen eine Rolle spielt: beide konnten sich eine Würdigung ihrer Fähigkeiten und dessen, was sie in den Jahren der Ehe oder Beziehung füreinander und die Kinder getan hatten, nicht zukommen lassen. Frau K. hatte die ganzen Jahre den Haushalt geführt, die Töchter gut durch die Schulzeit gebracht und das Famili-engeld zusammengehalten und hätte Anerkennung dafür gebraucht. Herr K. war ein guter Vater. Er war dem Wunsch seiner Frau nach Trennung nachgekommen, obwohl es ihn schmerzte und er die Beziehung gern aufrechterhalten hätte. Er kam seinen Zahlungen für die Töchter großzügig nach und hätte Verständnis dafür gebraucht, dass das mit den Rest-Möbeln für ihn nicht leicht war.
Nach letztlich 5 Sitzungen, in denen durch die Mediatoren eben diese Würdigungen ins Spiel gebracht wurden und auch alle wichtigen finanziellen Themen von den Vorstellungen und möglichen Optionen zu realen Berechnungen und Einigungen geführt hatten, einigten sich beide auf eine Trennungsvereinbarung, in der es u.a. hieß:
“Diese Vereinbarung regelt die Trennung.
Das getrennte Leben soll von gegenseitigem Respekt für die Lebensführung des anderen getragen werden. Es liegt im Interesse beider Seiten, den Kindern ein emotional stabiles und positives Aufwachsen zu ermöglichen. Auf Kritik am Leben, der Erziehung und dem Umgang des jeweils anderen verzichten beide Seiten.
Wir sind uns einig,
…dass ich, E. K., mit unseren Töchtern Anita und Heien unser Hausgrundstück (…) nutze,
…dass ich, E. K. hierfür eine Nutzungsentschädigung an meinen Mann zahle in Höhe von 306,00 monatlich,
…dass wir die verbrauchsunabhängigen Ausgaben wie Steuer, Haftpflicht-versicherung etc. und den Abtrag auf das Hausgrundstück sowie die Ausgaben für instand haltende Reparaturen hälftig tragen. Aufträge an Handwerker für diese instandhaltenden Reparaturen werden wir nur gemeinsam vergeben, es sei denn, eine Notsituation erfordert schnelles Handeln (…);
…dass ich, H. K., bis zum I.Juli 2005 die in meinem Eigentum stehenden Gegenstände aus dem Obergeschoss entferne, dass wir bis zum I.Juli 2005 gemeinsam den Hauswirtschaftsraum, den Lagerraum und das Arbeitszimmer im Keller räumen.
Wenn ich, H.K., bis zum I.Juli 2005 die in meinem Eigentum stehenden Gegenstände aus der Obergeschosswohnung nicht entfernt habe, dann sind wir uns einig, dass wir einer dritten Person einen Räumungsauftrag erteilen und die Kosten gemeinsam zur Hälfte tragen.”
Im Übrigen einigten sich die Eltern auf den Kindesunterhalt ohne Probleme.
Die Dynamik zwischen beiden hatte sich im Laufe der Mediation deutlich verändert. Beide hatten schließlich am Ende der Mediation von ihren Vorwürfen und stummen oder lauten Beschwerden übereinander ablassen können und empfanden die dann gefundenen Formulierungen ihrer Trennungsvereinbarung als das, was es ja auch war: eine – vielleicht letzte – gemeinsame konstruktive Arbeit miteinander, die sich an der Zukunft orientierte.
Sabine Zurmühl, M.A., Mediatorin (BAFM),
Ausbilderin am Berliner Institut für Mediation
