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    Nachrichtenteil der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V. 

    „Essentials“ der Mediation – Haltung als Arbeitsinstrument

    Eine Bilanz des BAFM-Institutetreffens im Juni 2001

    Das Größte wahrscheinlich ist, mittels Seele die Seele zu erfahren; sicherlich hatte die Weisung Apollos eben dieses im Sinn, als er mahnte, es suche vor allem jeder sich selbst zu erkennen.

    Cicero

    Von unseren Klienten erwarten wir, dass sie sich der Mühe unterziehen, sich Neuem aufzuschließen, sich innerlich beweglich zu zeigen für unbequeme Sichtweisen, sich ehrlich zu befragen,  unerwartete Antworten  nicht zu scheuen. Genauso ist immer wieder neu auch die Frage nach den Absichten unserer Arbeit  zu stellen, nach  den inneren Erwartungen, Wertungen, der Haltung , mit der wir als Mediatorinnen und Mediatoren in die Arbeit gehen. Ist  der Fokus derjenige, mit dem wir vor Jahren unsere Arbeit begonnen haben ? Hat er sich vielleicht verlagert, verändert, ist „die innere Landkarte erweitert“ worden durch die Praxis ? Noch klarer stellen sich diese Fragen bei Ausbilderinnen und Ausbildern für Mediation.

    Auf dem jährlichen BAFM-Institutetreffen im Juni 2001 auf der schönen griechischen
    Insel Tinos wurden diese Selbst-Fragen ausgesprochen und diskutiert.

    Sieben der zehn Institute waren anwesend. Aus der neuerlichen  Begegnung, bei der (siehe auch Ausblick in KindPrax 1/2000) die Institute miteinander kooperieren (und natürlich auch konkurrieren), erwies sich in  der Diskussion ein Essential  als unerwartet wesentlich:

    Innere Haltung als Arbeitsinstrument.

    Die beteiligten BAFM-Ausbilderinnen-und Ausbilder konstatierten eine gewisse Verschiebung ihres Blickwinkels : So weit Methode, Struktur und Transparenz wichtige Stichworte der mediativen Arbeit bleiben werden und müssen, so wichtig Recht als Fairnesskontrolle zweifellos ist, so erlebte in der Reflexion der eigenen Praxis und Arbeitserfahrung  der Blick auf die Haltung  (der Mediatoren  u n d  Medianten !) eine unerwartete Virulenz und Lebhaftigkeit.

    Stichworte zur inneren Haltung der Mediatorinnen und Mediatoren waren:

    – Nicht bewerten, sondern das  Verhandlungspotential der  Medianten sichtbar machen!

    – in die Ressourcen der Klienten vertrauen, nicht nur im Misstrauen verharren :
    „Der will ja nur…“

    – Trainer sind Vorbilder und sollten um ihre Authentizität bemüht bleiben

    – und die Arbeit an den Gemeinsamkeiten und Unterschieden  und eine Vielfalt
    unterschiedlicher Optionen („Was gibt es n o c h ?“) wichtiger nehmen als zu schnelle Lösungen

    – Mediation als eine innere Entwicklung begreifen, die über ein äußeres, aber auch unbedingt über ein inneres Ergebnis verfügt. Das provokante Resumée lautete dann auch: Haltung ist wichtiger als Methoden.

    Im Folgenden einige Stimmen im Nachklang der Diskussion:

    Jutta Lack-Strecker (ZIF Berlin)  ging auf ihre Arbeitsvoraussetzungen ein:

    Grundlegendes Element meiner Arbeit als Mediatorin  ist, zunächst einen „Arbeits-Raum“ herzustellen, in dem die Klienten, die in dieser Zeit meist subjektiv das Gefühl haben, ihre Würde  verloren zu haben, diese athmosphärisch wenigstens für begrenzte Zeit wieder-finden. Einen Raum von Zugewandtheit, Respekt, Anerkennung (auch von Unterschieden), Ressourcenorientierung, Zuversicht – wenn irgend möglich auch Heiterkeit und Gelassenheit incl. Humor…

    Einen klaren Arbeitsrahmen, d.h. mit den Klienten erarbeitete Eingangsvereinbarungen, Abstimmung und Transparenz der Inhalte…, ein kognitives, emotionales und intuitives Nachvollziehen der Bedürfnisse der Klienten. Ich arbeite daran, dass diese Grundhaltung nach und nach auch von den Klienten übernommen wird- z.B. von der Toleranz von Unterschieden zur Bejahung, von der Toleranz „der Wirklichkeit “ des Gegenübers zur Anerkennung, daß Wirklichkeit und „Gerechtigkeit“ eine gemeinsame Übereinkunft  darstellt, die durch Aushandeln zustande kommt (und nicht mittels Gesetzen).

    Im Rahmen von Mediations-Ausbildung heißt dies, dass an den Instituten die Haltung der Auszubildenden geprägt und  sicher auch Änderungen unterzogen wird. Eva Valentin und Dagmar Schramm-Grüber (IKOM Frankfurt) betonten: „…die Klienten erhalten in der Mediation einen geschützten Raum…Diese Haltung vermitteln wir nicht nur theoretisch.
    In jedem Rollenspiel spüren die TeilnehmerInnen, wenn sie die Rolle der Klienten übernehmen, sehr deutlich, wie viel  Respekt und Akzeptanz von Unterschiedlichkeit gelingt…Die gelehrten Interventionstechniken stehen im Dienst der inneren Haltung des Mediators.“

    Und Heidrun Gerwens-Henke (IKOM Bonn) erinnert daran, dass die Ausbilder gegenüber den TeilnehmerInnen diese innere Haltung selbst anwenden sollten:

    „Auch für mich als Ausbildungsleiterin geht es darum, die Unterschiedlichkeit der Gruppenteilnehmer/innen in ihren mediativen Ansätzen und  persönlichen wie beruflichen Prägungen wertzuschätzen und in ihrer jeweiligen Eigenart zu fördern, selbst wenn deren Verständnis von Mediation  nicht dem meinen entspricht. Auf diese  Weise vergesse ich nicht, wie schwierig es ist, die eigenen Überzeugungen zurückzunehmen.“

    In der Reflexion von Arbeit mit Klienten und Auszubildenden scheinen  immer wieder Parallelen auf, so auch in der Schilderung von Christoph C. Paul (ZIF Berlin): „Immer wichtiger wird mir der Blick auf  den emanzipatorischen Prozess. Mit Aufmerksamkeit und Respekt begegne ich der Eigenverantwortung der Medianten, versuche jeden von ihnen zu verstehen.  In der Ausbildung habe ich die Erfahrung gemacht, dass  ich mit dieser veränderten Haltung….die KollegInnen unserer Mediationsausbildungen unmittelbar erreiche, sie ermuntere,  auch für sich ähnliches zu probieren und zu entdecken. Die Herstellung eines Arbeitsbündnisses mit den Medianten lehre ich als den Schlüssel zum Mediationsprozeß und ich spüre die Parallelität von Arbeit und Lehre.“

    Wird eine solche Haltung ernstgenommen, so führt sie jede/n Lehrerende/n auch zurück zu sich selbst, wie Regina Harms (Hamburger Institut) beschreibt:

    „Die Auseinandersetzung mit mir selbst, als meinem eigenen Arbeitsinstrument besteht auch außerhalb der Mediation vor allem darin, in der Kommunikation das Urteilen auf-zugeben und selbst bei Angriffen oder Rückzug meines Kommunikationspartners offen zu bleiben….Ich bin inzwischen überzeugt, dass eine klare Struktur eine wichtige Hilfestellung für Erfolgserlebnisse der Klienten im Prozess  der Übernahme von Selbstverantwortung bieten kann. Dabei achte ich auf meine eigene Authentizität. Wenn der nächste Handlungsschritt sich nicht aus dem letzten fließend ergibt, benenne ich die für mich bestehende Blockade und mache deutlich, dass ihre Auflösung nur gelingen kann, wenn alle Beteiligten mit ihren eigenen Ideen dazu beitragen.. Den Konfliktpartnern wird deutlich, dass ich als Mediatorin keine perfekten Lösungen parat habe………“

    Die innere Haltung der Mediatorinnen und Mediatoren also als unverzichtbares Drittes, vielleicht sogar grundlegendstes Erstes ?

    Das aber wäre eine weitere Debatte.

    Sabine Zurmühl /BAFM

     

    Aus Kind-Prax 5/2001