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  • BAFM-Fachtag „Elder Mediation“ 2013

    Fachtagsflyer

     

    Am 16. November 2013 luden die Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V. (BAFM), das Institut für Mediation, Streitschlichtung und Konfliktmanagement e. V. (IMS) München und das Institut eidos Projekt Mediation München zum BAFM-Fachtag 2013 mit dem Thema „Elder Mediation“ ein.

    Elder Mediation arbeitet an zwischenmenschlichen Konfliktsituationen, die mit dem Älterwerden zusammenhängen. Die Konfliktparteien sind zumeist alt gewordene Eltern, ihre erwachsenen Töchter und Söhne und deren Partner/innen; Elder Mediation ist insofern ein Teilbereich der Familienmediation. Nicht selten sind auch professionelle Helfer/innen und unterstützende Organisationen beteiligt. Oft geht es in solchen Auseinandersetzungen beispielsweise um Fragen des Wohnens, der Versorgung, der medizinischen Betreuung, der Pflege, um Unternehmens-Übergabe/-nachfolge oder testamentarische Regelungen.

    Für dieses umfangreiche Themen- und Aufgabenfeld hat sich in vielen Ländern schon seit Jahren die Bezeichnung Elder Mediation eingebürgert.

    Untenstehend finden Sie einen Bericht zum Fachtag.

     

    Ihre

    Uwe Bürgel, Andrea Wagner
    Prof. Dr. Michael Pieper, Friederike Woertge
    BAFM-Vorstand

    Stefan Mayer
    1. Vorsitzender, IMS München

    Dr. Gisela Mähler, Dr. Hans-Georg Mähler
    eidos Projekt Mediation, München

     

    Referenten und Workshops

    Vortrag 1 Fürsorgliche Beziehungen und Autonomie – Krisen und Konflikte im Altern, Prof. Dr. Christel Eckart (Frankfurt/Main), Professorin für Soziologie und Frauen und Geschlechterforschung an der Universität Kassel bis 2011

    Vortrag 2 Wie fürsorglich sein, wenn Babyboomer altern? Abgeben und Annehmen in der Mediation, Lic. phil. Gerlind Martin (Bern), Freie Journalistin BR, Mediatorin, Gerontologin, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gerontologischen Gesellschaft (SGG-SSG) und Präsidentin der Fachgruppe Angewandte Gerontologie der SGG

    Workshop I Mediation bei Unternehmens-Übergabe/-Nachfolge (v.a. im Gesundheitsbereich), Eugen Ewig (Bonn), Rechtsanwalt, Mediator (BAFM)

    Workshop II Mediation bei Erbschaftskonflikten zwischen Geschwistern (Mediation nach dem Erbfall), Sepp Habermacher (Luzern), Rechtsanwalt, Notar, Mediator (SVM/SDM/BAFM)

    Workshop III Mediation bei Errichtung von Testament und Erbvertrag (Mediation vor dem Erbfall): Der Tod sitzt mit am Tisch, Dr. Gisela Mähler, Dr. Hans-Georg Mähler (München), Rechtsanwälte, Mediatoren (BAFM, BM), Petra Stolter (Henstedt-Ulzburg), Rechtsanwältin, Notarin, Mediatorin (BAFM)

    Workshop IV Umsorgt werden und Umsorgen: Das Thema Pflege in der Mediation, Maria Marshall (Poing bei München), Dipl.-Soz.Päd. (FH), Mediatorin (BAFM, NCRC), Lic. phil. Gerlind Martin (Bern), Freie Journalistin BR, Mediatorin, Gerontologin

    Workshop V Wenn Kinder Verantwortung für Eltern übernehmen…, Ingolf Schulz (Ahrensburg), Rechtsanwalt und Notar, Mediator (BAFM), Prof. Yvonne Hofstetter Rogger (Bern), Berner Fachhochschule, Mediatorin (SVM/SDM/EMIN), Mitherausgeberin der Zeitschrift „Perspektive Mediation“

     

    Eine Zusammenfassung der Vorträge finden Sie in den Verbandsinformationen der BAFM in der ZKJ 01/2014, welche Sie hier nachlesen können.

     

    Workshop I: Mediation bei Unternehmens-Übergabe/-Nachfolge (v.a. im Gesundheitsbereich), Eugen Ewig

    Der Workshop fokussierte auf das Spannungsfeld zwischen Unternehmensabgabe und Nachfolgeregelungen sowie der Unternehmensübernahme am Beispiel der Übergabe einer Arztpraxis im innerfamiliären Bereich.

    Vielfach scheitern Unternehmensübergaben aus scheinbar nicht erklärlichen Gründen; sei es auch nur, dass der Abgeber sich überraschend zurückzieht und das Unternehmen trotz hohen Alters selbst fortführt. Ein frühzeitiges Coaching oder eben eine Mediation können vielfach Probleme auffangen und zur Lösung für alle Beteiligten führen.

    Anhand eines Rollenbeispiels zu der Abgabe einer Arztpraxis vom Vater auf den Sohn wurden die Interessen und insbesondere die Bedürfnisse des Abgebers erarbeitet. Es zeigte sich, dass der Kaufpreis nicht nur für den wirtschaftlichen Wert des Unternehmens steht, sondern aus Sicht des Abgebers für höchstpersönliche Anliegen und Fragen. Es geht hierbei nicht nur um eine finanzielle Alterssicherung, sondern auch um die emotionale Fähigkeit oder Unfähigkeit loszulassen. Dies wird erleichtert durch die Anerkennung der Lebensleistung, wofür der Kaufpreis ebenfalls stehen kann. Die persönlichen Bedürfnisse des Abgebers werden häufig nicht verschriftlicht, müssen aber bearbeitet werden, damit der Abgeber sich in der Lage sieht, das Unternehmen zu übertragen. Es wurde auch deutlich, dass verschiedene Konfliktebenen in der Situation der Unternehmensübergabe aufbrechen können; dies sind beispielhaft der Generationenkonflikt, der Konflikt zwischen den Familienangehörigen (im Rollenspiel Vater und Sohn), der Konflikt unter Geschäftspartnern und die inneren Konflikte, denen sich die Beteiligten ausgesetzt sehen.

    Das Rollenspiel machte deutlich, dass das Wissen um gerontologische Forschungsergebnisse eine Elder Mediation positiv beeinflussen kann, weil die innere Befindlichkeit des Abgebers aufgenommen und bearbeitet werden muss

     

    Workshop II: Mediation bei Erbschaftskonflikten zwischen Geschwistern (Mediation nach dem Erbfall), Sepp Habermacher

    „Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie ich das Erben in meiner Ursprungsfamilie erlebt habe, was gut war und was ich mir anders gewünscht hätte, oder wenn das Erben noch bevorsteht, was ich mir wünsche und was ich befürchte, hat aufgezeigt, dass die Beschäftigung mit der eigenen Biografie MediatorInnen darin unterstützt, biografische Fallen in der Mediationsarbeit zu meiden und die eigene Biografie als Ressource zu nutzen.

    Die oft hohe Emotionalität bei der Auseinandersetzung ums Erben und die meist unterschiedliche Motivation für Mediation unter den Erben rufen nach einer besonders sorgfältigen Arbeit in der Phase 1 bei der Gestaltung der Zusammenarbeit. Eine sorgfältige Interessenarbeit ist oft schon beim Aushandeln des „Wie“ der Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung – das hat sich bei einem Beispiel aus der Praxis anhand des Umgangs mit der Frage der Vertraulichkeit der Verhandlungen deutlich gezeigt.

    Mediation bei Erbschaftskonflikten ist in der Praxis oft bloss ein einzelnes Puzzle in einem länger dauernden Prozess, professionelle Begleitung auf einem Teil des Weges, der über die eigentliche Mediationsarbeit hinausgeht. Diese Erkenntnis ist für manche MediatorInnen entlastend und schützt vor überhöhten Erwartungen an die eigene Arbeit.“

     

    Workshop III: Mediation bei Errichtung von Testament und Erbvertrag (Mediation vor dem Erbfall): Der Tod sitzt mit am Tisch, Gisela Mähler, Hans-Georg Mähler, Petra Stolter

    „In dem Workshop haben wir das Thema anhand eines Falles bearbeitet: 78jähriger Vater, 48jährige  Tochter.  Der  Vater  lebt  jetzt  mit  einer  12  Jahre  jüngeren  Lebensgefährtin zusammen.

    Die Gruppenteilnehmer haben sich in die beteiligten Personen versetzt und aus den Rollen ihre Empfindungen, Wünsche und Bedenken ausgetauscht. Im  Kern  haben  wir  uns  damit  beschäftigt,  herauszukristallisieren,  wie  sich  die  notarielle Beratung und Aufklärung von einer „Elder Mediation“ unterscheidet, insbesondere, was die anstehende Regelung für die Beteiligten auf der Beziehungsebene bedeutet:  es ging um die Weitergabe an die nächste Generation  unter Berücksichtigung der eigenen Interessen und Bedürfnisse. Deutlich wurde die Spannung zwischen Autonomie und Verbundenheit auf dem Hintergrund der Endlichkeit unseres Daseins und der Kostbarkeit des Lebens.“

     

    Workshop IV: Umsorgt werden und Umsorgen: Das Thema Pflege in der Mediation, Maria Marshall, Gerlind Martin

    „Als Einstieg in den Workshop zeigten wir Sequenzen aus dem Schweizer Dokumentarfilm „Von heute auf morgen“. Darin wird u.a. eine 92-jährige Frau auf den Stationen begleitet, die sie durchläuft vom Leben in der eigenen Wohnung, das sie mit Unterstützung ihrer Tochter und ambulanter Betreuung noch meistern kann, über einen stationären Krankenhausaufenthalt hin zum Leben im Heim. Die Filmausschnitte zeigen in eindrucksvoller und bewegender Weise, wie schwierig es ist, auf der einen Seite der alten Dame mit Achtung und Respekt zu begegnen und sie an den Entscheidungen, die ihre Wohn- und Pflegesituation betreffen, zu beteiligen und auf der anderen Seite die Notwendigkeiten rechtzeitigen Eingreifens zu erkennen und entsprechende Veränderungen einzuleiten.

    In einem zweiten Schritt konnten die Teilnehmenden des Workshops anhand eines Fallbeispiels erfahren, welch hilfreiche Rolle die Mediation in solchen Lebenszusammenhängen spielen kann. Ein 75-jähriger Mann befindet sich nach einem Schlaganfall in einer Reha-Einrichtung und soll in sechs Wochen entlassen werden. Seine beiden Söhne müssen nun eine Entscheidung treffen, ob der Vater in seine Wohnung zurück kann oder ob für ihn ein Platz in einem Pflegeheim gefunden werden muss. Sie vertreten gegensätzliche Auffassungen und wollen in einer Mediation eine Einigung herbeiführen.

    Wie eine solche Mediation durchgeführt werden könnte, in welchem Setting sie stattfinden sollte, wurde ebenso eingehend reflektiert und teilweise kontrovers diskutiert, wie die Fragen nach Autonomie und Selbstbestimmung, aber auch nach Verantwortung und Einsicht in objektive Gegebenheiten.“

     

    Workshop V: Wenn Kinder Verantwortung für Eltern übernehmen…, Yvonne Hofstetter-Rogger, Ingolf Schulz

    „Die Teilnehmenden des Workshops brachten alle eigene Erfahrungen zur Thematik mit, die sie dahingehend reflektierten, inwiefern die eigenen Erfahrungen das Verständnis für die erwachsenen Kinder oder für die betagten Eltern respektive einen Elternteil erleichtern oder erschweren.

    Diskutiert wurde die Frage, wie sinnvoll es ist, für die Mediation bei Konflikten, die in Übergangsituationen im Alter aufbrechen können, einen eigenen Namen zu brauchen und ein spezifisches Konzept zu entwickeln. Für und Wider wurden positioniert und auch die Zwischenposition, bei der das Bündeln, vermitteln und teilen von Wissen zu und Erfahrungen in diesem Arbeitskontext durchaus Sinn machen kann, jedoch das Aufsplittern in noch mehr Anwendungsgebiete und das Abgrenzen zu vermeiden sei. Es braucht auch einen Beschreibung der Spezifität dieser Dienstleistung, damit die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer überhaupt erkennen, dass „Elder Mediation“ als passgerechtes Angebot für sie hilfreich sein könnte.

    Die für die Mediation in diesem Kontext notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten wurden angesprochen, insbesondere die für intergenerationale Konflikte und für Geschwisterkonflikte im Erwachsenenalter hilfreichen familiendynamischen Kenntnisse. Im Fokus stand hier insbesondere der Aspekt der Rollenumkehr anstatt des Rollenwandels.

    Das Rollenspiel vermittelte denn auch eine Reihe von Erkenntnissen hinsichtlich der Notwendigkeit des Anerkennens von Status, des Umgangs mit der Familiengeschichte sowie des Bedürfnisses des Erzählen-Könnens als Voraussetzung, um dann mehr und mehr einen zielorientierten Prozess in Gang setzen zu können. Es wurde auch deutlich, dass, wenn anfangs noch ganz undeutlich ist, wo die Probleme wirklich liegen und welches das gemeinsame Ziel sein kann, das Spiegeln und die Strukturierung durch die Mediator_innen unterstützend wirkte, insbesondere, wenn sie nicht allzu sehr linear geschah. Visualisierungen dienten der Klärung noch bevor die Zielorientierung gefunden werden konnte. Im Rollenspiel lag die Tücke in Schamgefühlen sowohl bei der älteren als auch bei der jüngeren Generation.“