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  • BAFM-Fachtag in Nürnberg „Gefühle in der Mediation“, 18./19. Nov. 2016

    „Familienmediation kann mehr…“,  unter diesem Titel wurde auf dem  BAFM-Fachtag 2015 ausgelotet, in welchen Mediationsfeldern außerhalb der typischen Trennungs- und Scheidungsmediation die Familienmediatoren erfolgreich sind.  Das Erfassen der Psychodynamik zwischen den Medianden und deren  Nutzung als Ressource für die Mediation ist ein besonderes Merkmal der Familienmediation. Familienmediation ist vor allem Beziehungsmediation und wird interessanterweise auch von Menschen, die in der Wirtschaft mediativ arbeiten wollen und sich deshalb ausbilden lassen,  immer öfter angefragt.

    So war es nur folgerichtig, sich dieses Mal, auf dem BAFM-Fachtag 2016 in Nürnberg, ganz und gar auf die Gefühle in der Mediation einzulassen.
    Ohnmacht, Aggression, Scham und Euphorie erleben Mediatorinnen bei den Medianden, aber auch bei sich selbst. Selbstreflektion ist nicht nur wichtiger Bestandteil jeder Mediationsausbildung, sondern hilft immer wieder, wenn wir auf der Sachebene nicht weiterkommen. Das Wahrnehmen der eigenen Gefühle ist ein Tor, um die Medianden besser verstehen zu können.
    Lebhaft wurde deshalb im Rahmen eines Worldcafés mit 4 verschiedenen Hotspots,  geleitet durch Dorothea Lochmann und Helga Lojewski-Mittag, über diese Empfindungen diskutiert. Beeindruckend war dabei die Offenheit aller 110 anwesenden BAFM-Mitglieder und Gäste.

    Zutiefst bewegt hatten sie zunächst einem Vortrag von Dr. Helmut Rießbeck, ärztlicher Psychotherapeut und 2. Vorsitzender des TraumHilfezentrums Nürnberg gelauscht, der die Wirkungen und Erscheinungsformen von Traumata  beschrieb und traumasensitives Arbeiten erläuterte.
    In einem der folgenden 7 Workshops wurde das Thema vertieft.
    Brigitte Hörster, stellvertretende Sprecherin der BAFM erfuhr dabei: „Trauma ist kein Ereignis, es ist Verletzung !
    Als Anknüpfungspunkt für uns Mediatoren kristallisierte sich für mich heraus, Kriterien erkennen zu können, die womöglich darauf hinweisen, dass ein Mediand unter den Langzeitwirkungen traumatischer Erlebnisse und Erschütterungen leidet. Für mich wurde deutlich,  dass ich eine individuelle Grenze  ziehen muss, wie weit ich mit entsprechenden Fragen eintauche, immer mit dem Bewusstsein, noch auffangen zu können , was ich eventuell auslöse. Wichtig ist mir hierbei gewesen, dass Einzelgespräche in einer solchen Situation notwendig und sinnvoll sind,  um danach zu klären in wieweit eine Einigung zu bestimmten Themen noch möglich ist, oder ob die Mediation zugunsten einer Therapie ab-oder jedenfalls unterbrochen werden muss.“

    In Workshop 2, geleitet von Dr. Gisela Mähler und Dr. Hans-Georg Mähler,  ging es um das Verstehen der Medianden  über  die eigenen Gefühle, mit Hilfe des Ansatzes Inside- Out  von Gary Friedman
    Walter H. Letzel, neu im Sprecherteam der BAFM, erlebte den Workshop so:
    „Auf der Suche nach Emotionen in der Mediation fragten Mählers die TeilnehmerInnen auch nach „Stolperstellen“, für mich ein sehr passender Zugang zu den Gefühlen des Mediators und seinem Anteil am Gelingen. Nach dem Austausch in kleinen Gruppen erfolgte eine Aufstellung (z.T. im Sitzen)  einer irritierenden Emotion des Mediators mit sehr erhellendem Ergebnis: Zugang zu den eigenen Gefühlen und deren professioneller Einsatz als Balance zwischen eigener Einfühlung und Empathie mit den MediandInnen.“

    Emotionen und Trancen in der Mediation. Ein Ausflug in hypnotische Gefilde mediativer Arbeit. Dieser Titel des von Sebastian Prüfer geleitete Workshops 3 hatte zunächst viele Anmelder zum Fachtag  verstört, denn wie sollten  Trance und Selbstverantwortung der Medianden  in der Mediation zu einander passen. Tatsächlich ist aber inzwischen klar, dass wir uns immerzu in einer Art Trance befinden und diese Fokussierung uns auch hilft,  unsere Sinneseindrücke zu ordnen.
    Medianden befinden sich in einem besonderen Fokus auf ihren Konflikt, auf das Problem, vergleichbar mit einer Trance. Sie sind quasi im Problem, im Konflikt gefangen. Wenn Ihnen durch den Mediator neue Räume geöffnet werden, können sie sich dadurch von ihrem Problem lösen, es z.B. visualisieren und in eine Ecke stellen und es eröffnet sich eine Möglichkeit neu und aus veränderter Perspektive über den Konflikt nachzudenken und ein gute Lösung zu finden.

    Selbstverständlich durfte die Supervison bei dem Angebot dieses Fachtages nicht fehlen. Cornelia Sabine Thomsen leitete den Workshop 4 Fühlen und Gefühle wahrnehmen in der Mediation mit Live-Supervision.

    Erstaunlich laut ging es plötzlich in Workshop 5 zu: Nonverbale  Signale und Körpersprache wahrnehmen und für den Mediationsprozess nutzen – Übungen und Selbsterfahrung für MediatorInnen geleitet von Katja Degenhardt (München), Kommunikationswissenschaftlerin und  Mediatorin ,  weil eben diese Signale nicht beachtet worden waren. Ein Augenmerk auf den unruhig wippenden Fuß des Medianden hätte  vielleicht den Mediator auf den plötzlichen Gefühlsausbruch des zunächst so sachlich verhandelnden, doch sehr unter Strom stehenden Medianden, vorbereitet. Gerade Verhandlungen von großer Sachlichkeit sollten uns misstrauisch machen. Die Körpersprache der Medianden legt die nicht zu unterschätzenden, aber auch als Ressource dienenden Gefühle offen. Diese anzusprechen wäre eine erste Intervention.

    In Workshop 6 wurde die Offenheit der TeilnehmerInnen erneut auf eine besondere Probe gestellt: Walter H. Letzel  lenkte den Blick auf das Scheitern (in) der Mediation.  Dass Mediation funktioniert ist Überzeugung, Erfahrung, Wunsch, aber auch ein besonderer Druck für die MediatorInnen. Welche Verantwortlichkeiten haben die MediatorInnen? Zu ihnen zu stehen, kann Mediation sichtbar machen, eine der wichtigen Voraussetzungen um  zur Professionalisierung der Mediation beizutragen.

    Unter dem Arbeitstitel  Trennungsphasen: Wie Abschied und Verlust die Mediation prägen gaben Dr. Isabell Lütkehaus und Frank Glowitz den Praktikern in der Familienmediation ein sehr nützliches Reflektionstool an die Hand. Analog zu den Trauerphasen von Elisabeth Kübler-Ross stellten sie fünf Kategorien von Trennungsphasen – von der Isolationsphase über die Zornphase, der (Schein-) Verhandlungsphase und der Resignation bis zur Versöhnungsphase –  vor. An praktischen Fällen konnten die TeilnehmerInnen eine Zuordnung der Fallkonstellation zu den jeweiligen Phasen vornehmen. In einem weiteren Schritt wurde eine Verbindung zu den Prinzipien der Mediation hergestellt, die unterschiedlich „gefährdet“ sein können, je nachdem in welcher Phase sich die Medianden jeweils befinden. Auch  erfahrene PraktikerInnen, wie z.B. die BAFM-Sprecherin Dagmar Lägler, fühlten sich erneut für diese grundsätzlichen Aspekte sensibilisiert.

    Wie im Vorjahr war die Mitgliederversammlung der BAFM in den Fachtag eingebettet.
    Auch nach der Veröffentlichung der Verordnung über die Aus-und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren Ende August bleiben hohe Standards in der Mediationsausbildung der BAFM ein wichtiges Anliegen. Gemeinsam mit anderen Mediationsverbänden soll daran weiter gearbeitet werden.

    Ein neues Ausbildungsinstitut „Mediatio“,  Heidelberg, unter der Leitung von  Cornelia Sabine Thomsen und Andrea Wagner,  Ausbilderinnen  der ersten Stunde, wurde von den Mitgliedern in die anerkannten Ausbildungsinstitute aufgenommen. Die neue Leitung des IKOM Bonn Bernadette Näger und Kyra Mörchen wurde bestätigt.

    Herzlich begrüßten die über 60 anwesenden Mitglieder und Gäste die zwei neuen Regionalgruppen: AK Mediation Reutlingen – Tübingen & Thüringer Arbeitskreis Mediation e.V.

    4 erste Fachgruppen der BAFM wurden schließlich ins Leben gerufen: Familie und Kind,  Elder Mediation, Familienunternehmen und Cooperative Praxis. Sie sollen der Vernetzung und als Pools von Ideen und Expertenwissen dienen und stehen auch Nichtmitgliedern offen.
    Bereichert durch ein intensives emotionsreiches Miteinander und vielen Anregungen aus der Wissenschaft und Praxis  überließen sich  alle Teilnehmerinnen dem Gefühl der Zufriedenheit und Freude  beim gemeinsamen Abendessen in herzlichem Gespräch, Tanz und der Ehrung von Jutta Lack-Strecker für ihren langjährigen Einsatz für die BAFM und ihre Passion für die Mediation und für die Kompetenz der Medianden.

    In der Ankündigung können Sie ebenfalls noch einmal nachlesen.